Manch ein Betrachter von Veronika Schnellhardt Illustrationen macht ein besorgtes Gesicht: gehen die sexuell konnotierten Darstellungen nicht doch einen Schritt zu weit? Passt das verruchte Formenrepertoire nicht viel eher in das Kopfkino eines Vladimir Nabokov als auf ein unschuldiges weißes Blatt Papier? Damit erst gar keine Missverständnisse entstehen: In Japan gehören Lolita-Mangas zum optischen Verzehrgut, über deren sittlichen Nährwert in der bildersüchtigen japanischen Gesellschaft kaum gestritten wird.
 
Die skandalisierende Verschiebung von Grenzen, das nach westlichen Konventionen besorgniserregend infantile Aneignungsspiel süßlich verspulter Unschuld hält selbst Einzug in die harte Männerwelt der Martial Arts-Szene. Beim Auftritt im Tokio Dom entern als Schulmädchen verkleidete K1-Kämpfer unter tosendem Applaus des Publikums das Ringgeviert; in Deutschland wäre das ein karnevalesker Affront gegen die guten Faustkämpfersitten. Das Land des hintersinnigen Lächelns ist nicht nur geographisch etliche Flugstunden vom Land der Dichter und Denker entfernt; die Länder trennen tiefgreifendere kulturelle Unterschiede als Samurai, Sushi, Sony und Mangas vermuten lassen.
 
Bevor es um Lolita-Illustrationen geht, ein Blick zurück in die Finsternis des Nachkriegszeit. Sechs Jahre nach Verdunklung der Sonne durch den Abwurf der Atombomben »Fat Man« auf Nagasaki und »Little Boy« auf Hiroshima diagnostizierte der Oberbefehlshaber der US-Besatzungstruppen in Japan, General Douglas MacArthur, den kulturellen Zustand des besiegten Kriegervolkes. In der Siegerpose eines Helden sagte er vor dem US-Senat: »Gemessen am Standard moderner Zivilisationen sind die Japaner wie ein zwölfjähriger Junge«.
 
Ein paar Erdumdrehungen später hat sich der »zwölfjährige Junge« aus der Schockstarre gelöst und die kapitalistischen Axiome als weiteres volksontologisches Lehrstück in sein Denkgebäude integriert. Er begriff sehr schnell: Amerikaner und Europäer haben keinen richtigen Plan vom innerlich befreienden Nichts und vom durchschaubaren Nichts des großen Ganzen und dass beide Nichtse ein und dasselbe darstellen. Die dritte »Atombombe«, die unter dem Nickname »the american way of life« über Japan niederging, beantwortete der »Zwölfjährige« mit großer Einfallskraft. Er begoss die flächendeckende Gleichschaltung an Konsumgütern mit affirmativem Kunstdünger und entwickelte daraus ein Spiegeluniversum der eigenen Dominanz.
 
Als strategische Gegenmaßnahme begann man im Westen Japanologie zu studieren, um die Erfolgsrezeptur des kapitalistischen Musterlandes besser in den Griff zu kriegen. Für das Managertraining entdeckten Effektivitätssteigerer die strengen Verhaltensregeln des Samurei-Meisters Miyamoto Musashi, wie man den energetischen Vorwärtsdrang eines Gegners in dessen Schwäche verwandelt. Ganz gleich welche esoterischen Maßnahmen ergriffen wurden: Die Westler bleiben »Lost in Translation«, und das selbst nach Aufnahme von Sony, Toyota, Canon, Yu Gi-oh oder Takashi Murakami in den Kanon bürgerlichen Spieltriebs. Würde General MacArthur heute an irgendeiner Straßenkreuzung in Tokio oder Osaka die rotzigen Neopunks sehen; ihm fielen die dritten Zähne heraus: Tatsächlich ist der »zwölfjährige Junge« ein futuristisch-androgyner Comic Character, der sich bei seinen virtuellen Abenteuern auf dem Flachbildschirm versehentlich im Gewühl des realen Lebens verirrt hat. »Ziggy Stardust« lebt nicht auf dem Mars, wie David Bowie noch intonierte, sondern er irrt farbenfroh gekleidet durch die Häuserschluchten der Megalopolis Tokio.
 
Bisher hat das elektronische Dauerbombardement mit japanischem Comic Trash seine nachhaltige Wirkung auf den Lebensstil westlicher Jugendlicher verfehlt. Privatfernsehkonsum: Ja. Die trickreich inszenierten Manga-Animationen als Architekturen ins eigene Modeverständnis einbauen? Eher nein. Den Part des schweigenden Vermittlers ist den Magazinen wie »Astan«, »Daisuki«, »Koneko«, der »Gothic Lolita Bible« vorbehalten, in denen das Cross-over des »Tokyopop« aus Überlagerungen verschiedener Kulturschichten wesentlich eingängiger scheint.
 
Aus britischem Punk, Gothic, vermengt mit viktorianischen »Alice im Wunderland«-Einflüssen, dem Manga-Kult; diesen verwegenen Stilmix des praktizierten japanischen Neopunk, »Visual Kei« genannt, nutzt Veronika Schnellhardt als Inspirationsquelle für ihre handgemachten Illustrationen. Das von japanischen Popstars angefachte Anschauungsmaterial findet die 27-jährige Diplomandin in den »Otto«-Katalogen des »Visual Kei«, in japanischen Filmen, der Popmusik, in Comics und nicht zuletzt in der Mode.
 
Um nicht ganz vor den kryptischen Schriftzeichen zu kapitulieren, lernt Veronika Schnellhardt japanisch. Nach erstem Tokio-Besuch 2007 plant sie ab Frühjahr 2010 einen einjährigen Arbeitsaufenthalt in der einstigen Kaiserstadt Kyoto. Dass sie es ernst meint, die Faszination für den ostasiatischen Gothic Style nicht einfach ein Spleen ist, sondern ein von Suche nach Authentizität geprägtes Lebensgefühl, zeigt die Emsdettenerin in ihrer privaten Modeauffassung.
 
Weniger von tiefer Echtheit handelt ihre Diplomarbeit »Kaiten«. Viel mehr geht es ihr um die perfekt inszenierte, doppeldeutige Illusion, wofür sie ein vages Echtheitsversprechen abgibt, das sie absichtlich uneingelöst lässt. Zu ihrem Verwirrspiel hat sie eine in Japan gefeierte Band auf Welttournee erfunden, die einzig in ihrer Fantasie existiert, aber dennoch real scheint. »Kaiten«, so der Bandname bedeutet soviel wie »die Welt verändern«. Die weniger sympathische Definition geht zurück in die Zeit von General MacArthur: »Kaiten« nannten die Japaner das Himmelfahrtskommando der Unterwasser-Kamikaze. Angeblich sollen an die hundert bemannte Torpedos zum Einsatz gegen Kriegsschiffe der US-Marine angesetzt worden sein.
 
Wem das zu abgedreht ist, findet Trost bei Yu Gi-oh.