Geändert hat das an der Umgangspraxis mit dem Anderen wenig. Die martialischen Methoden der Entmenschlichung werden einzig »sauberer«, versteckter, perfekter geschminkt, um Verbindungen zu ideologisch verwandten Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach Möglichkeit zu kaschieren. Ein zu pessimistisches Weltbild? Vielleicht.
 
Auf einem politisch unverdächtigen Terrain, im wilden Denken von Gilles Deleuze hat das Tier eine andere Bedeutung. Für Deleuze ist der Künstler nicht mehr Platons angekettetes Höhlenwesen, sondern das flache Tier der Oberflächen. In seinem »Abécédaire« sieht Deleuze in der Spinne, der Zecke, der Laus das lauernde philosophische Tier.
 
Besonders zugewandt ist Deleuze der Zecke, einem diskreditierten Wesen, das in einer »dreipoligen Welt« lebt, das blind, taub und vom Licht angezogen auf der Spitze eines Zweiges lauert. Dort verharrt es, bis ein Säugetier ihren Warteplatz passiert. Vom Geruch des Säugetiers angezogen lässt sie sich auf eine haar- und felllose Stelle nieder und gräbt sich in die Haut, um das warme Blut des Säugetiers zu saugen. Zu mehr ist sie laut Deleuze nicht im Stande. Die Zecke hat sich ihre Verhältnisse konstruiert.
 
Vor dem deleuzeschen Hintergrund ist der Künstler ein Konstruktivist. Der Künstler konstruiert sich seine Verhältnisse selbst. Dazu gehört die präzise Beobachtung von Abläufen, wie sich Menschen bewegen, ihre Körper formen, belauert ihre kleinen Gesten, die Mimiken, ihren Gang, er beobachtet präzise die Faltungen von Landschaftstopographien, die Oberflächen von Kunstwerken. Das Studium von Oberflächen nennt Deleuze die einzig »wahrhaften Begegnungen«.
 
Ein zunächst gewöhnungsbedürftiger Gedanke, den der moderne Sokrates in seinem »ABC« formuliert. Als Autor des »Anti-Ödipus« (1977), einer Streitschrift gegen die freudianische Priesterschaft der Psychoanalyse, die er zusammen mit Felix Guattari verfasste, widerspricht er der tradierten Vorstellung, das der Mensch sich in seinen inneren Abläufen wie »Hamlet« im ständigen Kampf gegen sich selbst befände. Vielmehr ist das menschliche Innere eine »Fabrik des Unbewussten«, in der permanent neue Gedanken produziert werden; abseits der freudianischen Kastrationsangst, der Angst vor dem Tod, dem Durst nach Transzendenz. Die »innere Fabrik« ist nach Ansicht von Gilles Deleuze eine Produktionsstätte für das Leben.
 
Im übertragenen Sinn konstruiert Stéphanie Schneider das Leben. Sie dekonstruiert menschliche Körperteile, gestaltet sie artifiziell aus dem Kunststoff Silikon zu Oberflächen, um andere Verhältnisse zu konstruieren. Warum sie das tut?
 
Man braucht einzig die eindimensionale Fachware Fernseher anzustellen, in der Flachware eines Lifestyle-Magazins zu blättern, um zu erkennen, wovon Stéphanie Schreiners »innere Fabrik« inspiriert ist: sie thematisiert den visionären Glauben an die Optimierung des Menschen, das immanente Begehren nach einem perfekten, leistungsfähigen Körper, die mit Vorsicht zu genießende Vorstellung eines niemals ermüdenden Gehirns.
 
Fakt ist ein ewig gehegter Menschheitstraum, dem ethische Grenzen verschiebende Genetiker neue Nahrung geben, für den eine nach Profitmaximierung strebende Pharmaindustrie angeblich die entsprechenden Medikamente ohne jede Nebenwirkungen zur Verfügung stellt.
 
Dass sich in Deutschland unweigerlich Assoziationen zur dunkeldeutschen Geschichte aufdrängen, verdeutlicht einmal mehr, welches subtile Unbehagen die biopolitischen Träume der Genetiker verursachen. Im »Land der Dichter und Henker« ist die Produktion einer überlegenen »Menschenrasse« noch nicht in Vergessenheit geraten. An die vollzogene Praxis, »arisch reinrassige« Männer und Frauen in den Zuchtstätten der »Lebensborn«-Anstalten zur Zeugung einer »neuen Rasse« zusammenzuführen, daran erinnert in gezähmter Fassung eine Samenbank an der US-Ostküste. Dort lagert das tiefgefrorene Erbmaterial von anonymen, kerngesunden, frei von Erbkrankheiten, hyperintelligenten Männern, deren Samen zur Reagenzglasbefruchtung mit den Eiern von Frauen verwendet wird, denen an der Zeugung eines perfekten Nachkommen aus dem »Otto-Katalog« gelegen ist.
 
Diese künstliche Zeugungspraxis ein Menschenexperiment mit einem ungewissen Ausgang zu nennen, verneint die Pragmatik des entmythologisierten Lebens. Was naturwissenschaftlich möglich ist, das wird nach ökonomischen Kosten-Nutzen-Erwägungen praktiziert und von bioethischer Logik untermauert. Wenn nicht heute, dann morgen. Von einer höheren das Leben spendenden Macht zu sprechen, grenzt in Kenntnis der jüngeren Geschichte fast an Naivität. Das Unwort »Selektion« ist nicht mehr einzig für die Rampe in Auschwitz reserviert, wo menschenverachtende SS-Ärzte über Leben und Tod entschieden. »Selektion«, das »Ausmengelen« von Embryonen ist in den Kinderwunschpraxen zu einem alltäglichen Routinegeschäft geworden; so eine Formel der Radikal-Christen gegen die Reagenzglasbefruchtung.
 
Ein moderner Staat »macht leben und lässt sterben«, sagt Deleuze? Freund Michel Foucault, wohingegen ein Staat alter Prägung »sterben macht und leben lässt«. Greift der moderne Staat zur Konstruktion des Überlebens einer menschlichen Masse mit Verordnungen, Disziplinierungen, finanziellen Anreizen und Kontroll-Ethiken in die Sexualität ein, (nicht zu verwechseln mit dem Sex), respektiert der moderne Staat den natürlichen Tod als Privatsphäre jedes Einzelnen.
 
Im Sinne Foucaults verortet Stéphanie Schreiner den Ankerpunkt ihrer Diplomarbeit an der Biomacht als Ausdruck moderner Machttechniken. Im modernen Staat zählt die Verwaltung des Lebens zum Mittelpunkt machtstrategischer Überlegungen. Das Leben wird nicht mehr dem Zufall überlassen. Unter dem Begriff Biopolitik der Bevölkerung ist die regulierende Kontrolle der Bevölkerungsbewegungen, die Fortpflanzung, die Geburtenrate, die Gesundheitspolitik gemeint. Während die Disziplinarmacht zuerst in Institutionen wie der Schule, der Armee, der Fabrik oder im Krankenhaus das Individuum über den Körper systemkonform anpasst, entfaltet die Biopolitik mittels demographischer sowie ökonomischer Analysen eine Praxis der Einflussnahme auf die Bevölkerung im Ganzen.
 
Als künstlerische Strategie arbeitet sich Stephanie Schreiner in die Jetztzeit »hinein«. Ausgangpunkt ihrer Überlegungen aus der »Fabrik des Unbewussten« ist ein Klumpen Lehm. In der griechischen Mythologie ist das der Rohstoff, aus dem der an Kraft und Größe alles überragende Titan Prometheus den Menschen schuf. Parallel dazu verwendet sie für ihre figürlichen Skulpturen das Material Wachs und Pappmaché, um auf diese Weise den »fertigen« Menschen und die missratenen Versuche bei der Schaffung des »neuen« Menschen darzustellen.
 
Den Schwerpunkt in Stéphanie Schreiners Arbeit bilden Figuren aus dem zeitgemäßen Kunststoff Silikon. Ihren Überlegungen nach symbolisieren die Silikonfiguren den Menschheitstraum nach Selbstkonstruktion. Konkret können an einen Silikon-Torso Beine, Arme, Köpfe und Geschlechtsteile platziert werden. Ein klarer Verweis auf die Praxis der plastischen Chirurgie, die zu ihrem Nutzen eine Illusion aufrechterhält, dass der Mensch erst dann vollkommen ist, wenn er sich von den »Göttern in Weiß« korrigieren lässt.