Das Tiefe verbirgt sich hinter einer Maske. Oder sollte man besser sagen, hinter rustikaler Bartpracht, strubbeliger Frisur, knurrig dreinblickenden Augen? Bakunin, Michail Bakunin, Zerberus eines zornigen Moralismus, dessen »Evangelium der Bombe« die Gewalt zum abgeklärten Ziel einer Radikaltechnik proklamierte. Ist Bakunin hinter der Maske des russischen Aristokraten eigentlich Andy Warhols geistiger Erzvater? Vielleicht. Ein Bakunin-Zitat könnte die verquere Analogie vor der Havarie retten: »Personen, welche die Zerstörungswut nicht in sich unterdrücken können und die noch vor Anbruch des allgemeinen Kampfes schleunigst den Feind ausfindig machen und, ohne zu denken, ihn vernichten.«
 
Bakunin starb vor 133 Jahren. Warhol, wie sollte es anders sein, musste sich dem gleichen Bioschicksal beugen. Und noch ein paar andere mehr, bei denen die Philosophie des Ohne zu Hormonüberdruck in Verbindung mit Selbsthypnose führte.
 
Der wortwütende Anitzarist zündelte am Werk von Karl Marx, Andy verlustierte sich als Radikalpantomime am abstrakten Expressionismus. Beiden gemein ist, dass ihre Theoreme in der 90-Grad-Kochwäsche der Spaßkultur zu Wortfetzen geschrumpft sind. Nach erledigter Buntwäsche ist der bis zur Kenntlichkeit entstellte Ausdruck »Anarchie« untragbar geworden. Und Warhols populäre Pop-Philosophie von A bis B ist im Schleudergang der Beliebigkeit zur Hohlformel entkernt und auf dem Wühltisch der kreativen Schnäppchenjäger gelandet.
 
Das ist die Betriebsanleitung zu »Creative Anarchy« von Stefanie Paulus aus dem Jahr 2003, womit sie an der Ruhrakademie ihr Studium abschloss. Ihr Ausgangspunkt für diese scharfsinnige, mit Witz und Ironie getränkte Arbeit basiert auf einer Bekanntendemoskopie: Politik besitzt unter jungen Erwachsenen das gleiche Minuswachstum wie ein Mitnahmeprodukt. Auf den Punkt gebracht zielt ihre Zeitdiagnose auf die Mode als Identifikationsmerkmal für junge Erwachsene. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Einzig »iPod« und Klamotte wahren die Individualität von Materialisten.
 
Als Inszenierungsform des fiktiven Modekults »Creative Anarchy« wählte sie die Bildverehrung um den argentinischen Arzt und Revolutionär Ernesto Che Guevara, der als Märtyrer der Linken die Wut auf das kapitalistische System unterfütterte und eine latente Todessehnsucht von Möchte-gern-Revolutionären beflügelte.
 
In der Fassung von Stefanie Paulus ist das popkulturell verkitschte Che-Porträt ein entpolitisierter Bildcocktail aus trotteligem Kamel und gutmütigen Schaf. Dieses Motiv wählt Stefanie Paulus als Logo für ihr Modelabel »Creative Anarchy«, das bis heute als Graffito über den Urinalen der Männertoilette im Haupthaus der Ruhrakademie den wasserlassenden Studenten und Dozenten vertrauensvoll in die Augen blickt. Wie gesagt: Die Tiefe verbirgt sich hinter einer Maske. Und die von Bakunin propagierte »Zerstörungswut«, den »Feind zu vernichten«, hat Stefanie Paulus in Umkehrung der Verhältnisse auf visueller Ebene vollzogen.
 
Im Abgrund der Tiefe verbirgt sich noch eine zweite Ordnung, wenn der Abgrund auf den Betrachter blickt. Das Modelabel »Creative Anarchy« erdachte Stefanie Paulus als Plattform für Designer und Fotografen, die sich subversiv in die Modebranche einnisten, um dort kreativ zuzuschlagen. Als Mitstreiter präsentierte sie die Erzeugnisse von 30 schnodderigen Designern, die sich im Kosmos des provokanten Modellabel austoben konnten. Vorgabe war einzig die Orange-Grau-Schwarz-Farbwelt von »Creative Anarchy«; in diesem Spektrum war alles erlaubt.
 
»Der Knack«, wie man sich denken kann, ist eine List. Hinter dem Label verbarg sich allein Stefanie Paulus. Dass die Ideen und Umsetzungen der 30 Designer allesamt von ihr waren, mit »Creative Anarchy« tatsächlich die Kaufhauskette C&A gemeint war, zeigt einmal mehr, wie leicht sich Assoziationsketten in intellektuelle Fallstricke verwandeln können, wenn man in antrainierter Hierarchiedenkweise autoritäre Begriffe wie »Anarchy« einzig in eine Richtung mißversteht. Die Philosophie des Ohne kommt auch ohne ein beißfreudiges Gewissen aus.
 
»Ich hatte ein Ziel«, sagt die 29-jährige Ruhrakademie-Absolventin, die als Art Director in der Münchner Top-Agentur »Serviceplan« arbeitet.»Ich wollte einem banalen Thema wie Kleidung Brisanz geben«.
 
In der Werbebranche muss man mit guten Ideen auflaufen. Neben einer Menge an langweiligem Tagesgeschäft geht es im Haibecken final um die dicken Etats der großen Kunden. »Im Studium«, sagt Stefanie Paulus, »sollte man sein Hirn auf Trab bringen, von der Pike auf Zeichnen lernen. Auf den Computer kann man sich später stürzen. Im richtigen Leben ist es anstrengend genug, sich von Kunden reglementieren zu lassen.«