Der Mensch lebt nicht von Brot allein und dass es nicht jeden Tag Kaviar sein muss, hat sich im Zuge der neuen Bescheidenheit zu einem Seufzer in Schönwetterreden etabliert. Bescheidenheit – das mit aufgespritzten Lippen vorgetragene Prunkwort einer neu entdeckten »Tugend«; ist das jetzt die Matrix einer asketischen Gierdiät?
 
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Matt and Mattie looking at the vast selection of food at Uptown Juice Bar

Kritik an der Fleisch verzehrenden Vernunft ist populär. Im Epizentrum der Kritik stehen die industriellen Zuchtstätten und Tötungsfabriken, denen Upton Sinclair 1906 ein sozialliterarisches Mahnmal vor das Fabriktor stellte. Seither steht »Der Dschungel« der Chicagoer Schlachthöfe als Synonym für eine den Lohnsklaven und das Tier verachtende Praxis, die Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer dazu veranlasste, die technokratische Weltanschauung zur Rechtfertigung von Schlachthäusern mit dem Holocaust zu vergleichen: »Für Tiere ist jeden Tag Treblinka«.
 
In gleicher Weise wie Sinclair und Singer erkennt Milan Kundera in der Beziehung zum Tier das Dilemma überfressener Gesellschaften: »Und gerade hier ist es zum grundlegenden Versagen der Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Versagen, dass sich alle anderen aus ihm ableiten lassen.« Dass Brecht das gleiche meinte, aber deutlich trockener ausdrückte, ändert nichts am Adressaten, der bei seinem Tanz um das goldene Kalb zu vergessen scheint, über den Grilltellerrand hinaus in sein Innerstes zu blicken: »Erst kommt das Fressen, dann die Moral.«

 
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Josh and Greg at an animal rights protest

Es wäre erhellend, diesen literarischen Zitatpop fortzusetzen, denn in allen Kulturkreisen existiert von alters her ein spezielles Verhältnis zum Tier. Dessen Umdeutung von der respektierten Kreatur zum versachlichten Rohstofflieferanten ist im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit eine Ausdruckform des zivilisatorischen Fortschritts. Mit der verfeinerten Technisierung und der scharf kalkulierten Rationalisierung von Produktionsabläufen macht es faktisch keinen Unterschied, ob am Fließband ein schickes Fahrzeug aus gepressten Metall- und Kunststoffteilen entsteht oder ob als Kehrseite der gleichen Medaille das Tier am Sezierhaken der Tötungsfabrik in seine Einzelteile zerlegt wird.
 
Hiermit ist die Bühne für den Auftritt der Veganer bereitet, deren Widerstand sich regt, wenn ethische Grenzen hinter dem materialistischen Wachstumsdiktat verschwinden. Statt in den verführerisch süßlichen Sirenengesang des Höher, Schneller, Weiter in Koexistenz eines zynischen Mehr einzustimmen, verordnen sie ihrem Körper eine Abstinenz, die Kafkas »Hungerkünstler« zur Ehre gereicht. Als Radikalvegetarier bauen sie an einem Utopia, dessen Bausteine sie im Steinbruch asketischer Ideale suchen.

 
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Joshua Katcher and Enzo in the corridor of their Brooklyn NY building

Genau genommen sind die aktuellen Körperdesignstrategien, die kultischen Fitness- und Wohlfühlprogramme der Energieromantiker eine Einführung in das lebenslange Studienfach der mönchischen Askese, das als Diplom für mentale und physische Klimmzüge die private Erhellung verspricht. Der steinige Weg dorthin führt laut Nietzsche über die artistischen Disziplinen Armut, Demut und Keuschheit; in neokonservativ entschärfter Form auch als Konsumdiät, Respektierung der Menschen- und Tierrechte und als Enthaltsamkeit bekannt.
 
Im globalen Dorf New York City inspiriert allein schon die Gebäudehöhe zu höheren Anstrengungen. Daraus leiten sich Chiffren ab, die dem Rest der Welt vormachen, wie das »wirkliche Leben«, »intensivere Leben« tatsächlich aussieht. Ganz gleich auf welcher weltanschaulichen Grundlage die Entscheidung zu einem streng vegetarischen Leben gefallen ist, zählt New York zu den veganerfreundlichsten Städten der westlichen Hemisphäre.
 
Welche Strahlkraft davon ausgeht, beschreibt Mascha Artz in einer dokumentarischen Fotoarbeit. Denn in diesem Sammelbecken der Kulturen findet offenbar jede Ethik ihren Platz: sei sie religiös motiviert, Ausdruck einer politischen Haltung, eine Selbsthilfemethode oder esoterische Modeerscheinung. Als Gemeinsamkeit verbindet das vegane Milieu die strikte Ablehnung jeglicher Produkte tierischen Ursprungs. Wozu Kleidung aus Schurwolle, Seide oder Leder gehört, ein Großteil der handelsüblichen Nahrungsmittel einschließlich Wodka und Bier. Mit diesem Verzicht widersprechen Veganer der internationalen Übereinkunft, dass fehlendes Glücks nur die Abwesenheit von Geld, Zeit, Spaß, Sicherheit und anderer diesseitiger Güter sei. »Angreifbar«, sagt Mascha Artz, »ist das vegane Leben, wenn davon ein Absolutheitsanspruch abgeleitet wird. Konsequent zu Ende gedacht führt der vegane Leben ins Nichts. Ich dürfte als Veganer weder Auto noch auf dem Rad fahren noch einen Schritt vor die Tür setzen, denn ich könnte Insekten oder andere Tiere töten.«

 
www.maschaartz.com