Monika Nicke / Kommunikationsdesign
28.08.2008 19:07
Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts träumen junge Männer vom »Heimchen am Herd«. Diese seltsame Vorstellung von der Idealfrau passt eher in die 1950er denn in die Doppelnullerjahre. Zur Erinnerung: In der Zwischenzeit sind Menschen zum Mond geflogen, sie haben das menschliche Genom entschlüsselt und simulieren derzeit in einem gigantischen Laborexperiment den Urknall. Der Urknall in den Köpfen aber, der gleichberechtigte Frauen und Männer hervorbringt, scheint ausgeblieben.
Drunten in der Zivilisation ist alles ganz anders. Dort sieht Monika Nicke sehr genau hin. Für ihre Diplomarbeit im Fach Kommunikationsdesign hat sie das Thema »Gender Communications« gewählt. Hinter dem angelsächsischen Begriff Gender ist das psychosoziale Geschlecht gemeint, die zugeschriebenen und erlernten Verhaltensmuster von Mann und Frau sowie deren kulturelle Unterschiede, wie die Geschlechter untereinander kommunizieren und einander falsch verstehen, verbal, gestisch, mimisch, widerspiegelt Monika Nicke in ihrem hundertseitigen Sammelband mit Collagen.
Zur eigenen Anschauung ist die 29-jährige Diplomandin an der Bochumer Ruhr-Universität Aufzug gefahren. Mit 30.000 Studierenden ist die Universität die größte im Ruhrgebiet. Was dort während des Semesters los ist, kann man sich leicht vorstellen. Monika Nicke fuhr also Aufzug. Stundenlang. Dabei beobachtete sie das Verhalten von Männern und Frauen. Wo stellen sich Studentinnen im Aufzug hin? Wie sind die Blicke der Studenten zu deuten? Ausweichend, arrogant, begehrend, gierig?
In solch einem gesellschaftlichen Transitort, in dem es in räumlicher Enge zu Zufallsbegegnungen kommt, wird das Einhalten von Distanzzonen außer Kraft gesetzt. Hinzu kommt, dass sich die Herzfrequenz erhöht, wenn sich Personen auf den Pelz rücken, die Atmung des anderen wahrnehmen, die Schweißabsonderungen riechen. Generell, so Monika Nicke, ist diese Körpernähe einzig den Intimpartnern und engsten Familienangehörigen vorbehalten. Auf persönliche Distanz zu Freunden steht man etwa im Abstand von einem Meter zueinander, im geschäftlichen Kontakt ist eine Distanzwahrung von bis zu drei Metern festzustellen. Aber im Aufzug? Da ist jeder froh, wenn er wieder draußen ist.
Auf den Unifluren, der Straße sah Monika Nicke weitere in psychologischen und neurobiologischen Studien herausgefundene Muster bestätigt, die sie in ihren Collagen auf den Punkt bringt. Sobald sich Männer einer Gruppe von Frauen nähern, lachen die Damen häufiger. Die Deutung hierfür: Das Lachen ist ein weiblicher Lockruf. Ein weiteres Phänomen: An ihren unfruchtbaren Tagen haben Frauen ihre größte verbale Leistungsfähigkeit, sie quasseln mehr. Frauen bewegen sich häufiger, wenn sie von Männern angesehen werden, ihre Stimme wird höher, wenn sie fruchtbar sind.
Männer sind in solchen Belangen deutlich schlichter gestrickt. Ihre spezifische, raumgreifende Gangart lernen sie bereits ab dem vierten Lebensjahr. Und in ihren Augen sollte der Körperbau einer Frau schmal und sexy sein. Der Mann wünscht sich als Sparringspartnerin eine Frau, die wie ein Topmodel über den Küchenboden balanciert und ihm als »Heimchen am Herd« das Essen serviert. Der bittere Zusatz: Wer als Mann außer Stande ist, den Duft von Maiglöckchen zu riechen, ist wahrscheinlich impotent.
Im Oktober präsentiert Monika Nicke an der Ruhrakademie ihre auf wissenschaftlichen Studien basierende Diplomarbeit. Das heißt für die gebürtige Polin mit deutschen Wurzeln, die nach dem Mauerfall 1989 mit der Familie aus dem oberschlesischen Ort Ruda Slaska bei Kattowitz nach Gelsenkirchen übersiedelte: Sie überträgt komplexe Zusammenhänge in die pointiert bildnerische Darstellungsform der Collage.
»Gender communications« - hat Gott, als er den Mann schuf, nur geübt? Wir werden es bald erfahren.



