Katharina Staar / Illustration
04.04.2010 13:05
Qualitätsbewusste Verbraucher zeichnen ein erschütterndes Bild der Essgewohnheiten: Die inflationäre Menge an Kochsendungen im deutschen Fernsehen stehe im direkten Gegensatz zur praktizierten Nahrungsaufnahme der Bevölkerung. Als Verantwortliche des pädagogischen Dilemmas werden die üblichen Verdächtigen der Hackfleischindustrie genannt. Deren genmanipulierte Junk-Food-Happen schaden wahrscheinlich der Gesundheit und fördern die Entsinnlichung des Essens. Dem hält Katharina Staar ihr lässig illustriertes Fleischrezeptbuch für Mädchen entgegen: »Nice to meat you«.
Die Fleischproduktion ist eine politische Angelegenheit, die Feinschmecker wie den Zeit-Kolumnisten Wolfram Siebeck in schöner Regelmäßigkeit auf die Palme bringt. Er ist ein glühender Wahrer des Reinen und Guten, des Ursprünglichen und der Handwerkstradition des Hinterhofschlachtens. Die EU will den traditionellen Metzgern ab Januar 2010 mit einer Fülle an Hygiene-Normen den Garaus machen. Wie hart der Verlust für die EU-Wächter sein kann, wenn sie den »Bakterienbrutstätten« (Siebeck) einen Riegel vorschieben, verdeutlicht eine Binse von Herbert Achternbusch: »Die Frage "Haben Sie ein Hirn?" kann einwandfrei nur der Metzger beantworten.«
Tatsächlich geben die Fleischskandale der vergangenen Jahre wenig Anlass zu einem überschäumenden Optimismus. Die »hygienisch« in Cellophan verpackten Ekelpakete, die in der Vergangenheit in deutschen Supermärkten feilgeboten wurden, verderben langsam aber sicher den Appetit auf eine saftige Fleischration. Gegen diese Zeitströmung des Verzichts haben die Fernsehverantwortlichen als wohlwollende Geste gegenüber der fleischverarbeitenden Industrie die Kochsendungen erfunden. Tenor: »Vegetarier essen keine Tiere, aber ihr Futter«. (Robert Lembke)
Prominente geben sich vor laufender Kamera den Kochlöffel in die Hand, nippen genussvoll am Weinglas, schwadronieren ausgelassen über das Abhandenkommen einer wohlgesitteten Esskultur, um im Subtext ihrer Kochrezepte der althergebrachten Familienpolitik wieder Vorschub zu leisten. »Liebe geht durch den Magen«, »futtern wie bei Muttern« - gegen diese Allgemeinplätze haben die Geschmacksverstärker in einer 5-Minuten-Terrine wenig entgegenzusetzen. Außer, dass »viele (Fernseh)-Köche den Brei verderben«.
Bei aller sich anbietenden Unkorrektheit: nüchtern betrachtet verdeutlicht das Thema Fleischverzehr vor allem eins: »Der Mensch ist das einzige Tier, das einen freundschaftlichen Verkehr mit seinen Opfern pflegen kann, bis es sie verspeist.« (Samuel Butler) Und das bitte mit bürgerlichem Stilbewusstsein und unter Einhaltung der Tierschutzbestimmungen. Wovon übrigens die Tonnen an Papier zeugen, die in Buchläden unter der Rubrik »Kochbücher« und Feinschmecker-Lektüre lagern. Betrachtet man das Ganze einmal uneingeschränkt positiv haben sie als einzige Sorte Bücher das Glück auf Erden vermehrt. Denn wer kann schon zu einem lecker zubereiteten »Chili con Bambi« nein sagen?
Katharina Staar pflegt den trockenen Humor der politischen Unkorrektheit. Ihre Botschaft »Nice to meat you« ist klar und unmissverständlich, wenn sie sich innerhalb eines halben Jahres dransetzt, als Diplomarbeit an der Ruhrakademie ein Fleisch-Kochbuch für Mädchen zu gestalten. Mädels, ihr müsst euch nicht in die Bratpfanne legen, um dort Körperfett abzuschmelzen. Beißt mal wieder herzhaft in ein Schnitzel, denn ganz gleich wie ihr eure Figur auch verrenkt: In einer vom Diktat der sexualisierten Warenwelt bestimmten Formensprache gilt jede Frau als mindestens zehn Jahre zu alt und zwanzig Kilogramm zu schwer.
In politischer Lesart ist Kathrina Staars »Schnitzeljagd« auf den Männlichkeitsverstärker Fleisch ein Beitrag zur Gender-Debatte. Es kann als neufeministische Anmerkung gelesen werden, ob das mit Männlichkeit assoziierte Bild - Jungs brauchen ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen und Mädchen eine vitaminreiche Diätkost - tatsächlich noch in die Zeit passt.
Inwieweit von kleinauf antrainiertes Rollenverhalten die soziale Ungleichheit der Geschlechter manifestiert, zeigt sich an der Frisur- und Kleiderordnung, am »weiblichen« und »männlichen« Blick, am Gestenrepertoire, der Körperhaltung , an den Accessoires oder bei den Essgewohnheiten. In neoliberalen Zeiten verstärken sich autoritäre Forderungen nach Körperpraktiken des Selbst, um nicht im reinen Wortsinn der Allgemeinheit zur Last zu fallen. »Dick, faul und gefräßig«, »wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen«, sind die verklausulierten Diktate der angezeigten Körperdressur. Die adipöse Lage im Fernsehsessel ist demnach ernst, aber nicht hoffnungslos, auch wenn erst das Fressen und dann die Moral kommt. Als erzieherische Maßregel verbannen die Briten die Junk-Food-Mobile aus dem Dunstkreis von Schulen. Im Süden der USA (Mississippi) bleiben Restaurantbesucher mit einem Körpermaß-Index (BMI) von über 30 mit leerem Magen sitzen. Das Gesetz verbietet es den Betreibern, sie zu verköstigen.
Katharina Staar dreht den Spieß, entfernt das Politische aus ihrem Kochbuch. Denn die Frage ist berechtigt, ob ein im Backofen schmorender Fleischbrocken besser schmeckt, wenn er mit Geschlechtertheorien und Körpertechniken manieriert worden ist. Solange das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei der Nahrungsaufnahme gewährleistet ist, haben sich die »falschen Hasen« aus den Kochtöpfen herauszuhalten. »Demokratie ist«, meint Thomas Jefferson, »wenn zwei Wölfe und ein Schaf entscheiden, was es zu Essen gibt«.
Das Kochbuch der 26-jährigen Diplomandin ist in sechs Kapitel unterteilt. Darin sind 40 Fleischrezepte für Mädchen schriftlich niedergelegt, die Katharina Staar als Collagen illustriert und in die Rezeptauswahl »Klassiker«, »Steak«, »international«, »besondere Anlässe«, »Ofengerichte« und »schnell und einfach« unterteilt. Als Buchformat (23 cm mal 23 cm) wählte sie das Quadrat unter Verwendung von altem Papier, worüber sie den Hinweis geben will: Das 100-Seiten-Buch darf ausdrücklich benutzt werden, die Mädchen sollen Spaß daran haben, sich an der Zubereitung der Fleischgerichte auszulassen.
Als bildgebendes Medium wählte sie die assoziative Illustration, weil im überwiegenden Teil der Kochbücher der vorgestellte Gaumenschmaus über die fotografische Manipulationstechnik vermittelt wird. Dass eine handwerklich sauber fotografierte Esskultur ein Trugbild aus dem Chemiebaukasten darstellt, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Diese auf Hochglanz polierte Illusion vermittelt vor allem die Feinschmeckerlektüre. Gesetzt den Fall, man würde den lecker aussehenden Chemie-Cocktail verzehren; es würde sich einem sofort der Magen umdrehen.
Humor ist, wenn man den Braten gerochen hat.



