Sebastian Fröhlich / Kommunikationsdesign

20.06.2009 13:02

2003 diplomierte Sebastian Fröhlich (*1974) an der Ruhrakademie mit einem zeitdiagnostischen Grafiktagebuch, das er selbstironisch »Generation Fröhlich« nannte.

 

Es ist bekannt, dass manche Zitate unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt werden müssten, weil ihre bewusstseinserweiternde Wirkung die kreativen Vitalfunktionen freisetzen. Sich dagegen zur Wehr zu setzen, ist für schöpferische Geister genauso zwecklos wie der kühne Versuch des Mittelmaßes, den Lockruf der Zufriedenheit zur Siegerideologie von gestalterischen Lösungen zu erklären.

 

Die filmliturgischen Designerpillen des französischen Regisseurs Jean-Luc Godard verführen zu gymnastischen Streckübungen, deren phantasiezwickende Vektorpfeile im Köcher der erhellenden Einfachheit stecken. Fast lapidar sagt Godard, das »es sinnlos ist, scharfe Bilder zu produzieren, wenn man verschwommene Ideen im Kopf hat« oder »eine Geschichte Anfang, Mitte und Schluss haben sollte, aber nicht notwendiger Weise in dieser Reihefolge«. Solche magischen Formeln entfesseln die festgezurrten Überzeugungen aus der Zwangsjacke selbstzufriedener Nüchternheit. Weniger »verschwommen« formuliert: Regeln sind dazu da, sie zu brechen.

 

Befreiend sind Godards sprachliche Designerpillen in der praktischen Anwendung, wenn sie nach Vollzug eines Trainingspensums innerlich aufrichten und von den Bremsklötzen enthemmt die vordergründig dünnen Gedankenfäden in widerstandsfähige Assoziationsketten verwandeln. David Lynch und Quentin Tarantino haben Godards magische Formeln variantenreich auf die Kinoleinwand gebracht, David Carson und Stefan Sagmeister die harmonischen Verhältnisse aus dem typographischen Gleichgewicht gekippt. Wie geht man aber damit um, wenn man einen Godard in der eigenen Familie hat?

 

Man bleibt wie Sebastian Fröhlich auf dem Boden der Tatsachen, um dort seine gestalterischen Streckübungen zu vollziehen. Schließlich ist sein Onkel der international tätige Designprofessor Vilem Vasata, Mitbegründer und einstiger Präsident des Art Directors Clubs Deutschland (ADC), langjähriger Chairman (Aufsichtsratvorsitzender) von BBDO Europa und Executive Director (Geschäftsführer) von BBDO Worldwide, New York, dem weltweit zweitgrößten Werbeagentur-Netzwerk mit 287 Büros in 79 Ländern. Das sind Ansagen, die gleichermaßen einschüchtern und motivieren können.

 

Mit einem Selbstbekenntnis begann Sebastian Fröhlich die bühnenreife Vorstellung seiner Diplomarbeit an der Ruhrakademie im Jahr 2003. An der Überschrift des wuchtigen A3-Designtagebuchs »Generation Fröhlich« ließ sich bereits ablesen, dass es sich dabei um die Arbeit eines Endzwanzigjährigen auf der Bergwanderung zum Gipfel namens Identitätsfindung handelte. Bei der knapp ein Jahr dauernden Expedition durch das eigene Denken und Fühlen entwarf Sebastian Fröhlich jeden zweiten Tag ein grafisches Blatt, auf dem er seinem jeweiligen Tageserlebnis einen künstlerischen Ausdruck verlieh. Frei nach Godards zweitem Gebot: »eine Geschichte Anfang, Mitte und Schluss haben sollte, aber nicht notwendiger Weise in dieser Reihefolge«.

 

Begleitend dazu hieß es in einem genüsslich selbstironischen Vortragstext: »Mein Name ist Sebastian Fröhlich, und ich bin 29 Jahre alt. Das Lebensgefühl meiner Generation lässt sich mit den folgenden Worten umschreiben: Wir feiern so gerne wie wir einkaufen gehen. Alles Unbequeme lassen wir am liebsten links liegen. Das Demonstrieren liegt uns nicht. Wir schlucken fast alles, was man uns vorsetzt. Wahre Höhepunkte und Erfolge erleben wir nur selten. Unser Leben verläuft mehr oder weniger linear. Für uns ist es schon ein Ereignis etwas Neues, Tolles zum Anziehen gefunden zu haben. Nur die Wenigsten von uns verschwenden einen Gedanken daran, wie es anderen Menschen auf der Welt ergeht. Nur wir sind wichtig, wir sind das, was uns beschäftigt. Wir sind der Werbung hörig – wahre „Fashion Victims“. Wir haben Angst vor der Zukunft. Wir sind immer auf der Suche nach dem nächsten Thrill, der besseren Party. Am besten alles ist schrill, bunt und laut. Trotzdem haben wir ein Ideal nicht verloren – die Liebe. Entweder sind wir verliebt oder wir setzen alles daran, es zu sein. Haben wir einmal irgendwo Halt gefunden, klammern wir uns daran. Verluste und Niederlagen ertragen wir nur schwer. Willkommen in meinem Leben.«

 

Nach dem Abitur und Zivildienst, einem kurzen Irrflug ins juristische Fach, entschloss sich Sebastian Fröhlich nach einem Fluchtversuch ins Lehramtsstudium nun Nägel mit Köpfen zu machen. Der Weg führte ihn nach Schwerte an die Ruhrakademie, wo er sein kreatives Potential von Beginn an in ausdrucksstarken Arbeiten zum Ausdruck brachte und gleich einem Rohling eine glänzende Karriere in einer Top-Agentur bevorstand. Dass er dennoch mit sich haderte, ihm das Gute nie gut genug war, er besessen, methodisch unorthodox bis chaotisch seine rasend schnell umgesetzten Ideen im Stile von MTV wie im Fließband produzierte; nach dem Diplom verschrieb sich Sebastian Fröhlich endgültig dem Kommerz, weil er dort als Selbstständiger das Geld verdienen kann, das ihm ein gesichertes Einkommen garantiert. Der Kommerz bringt das Brot, die freie Arbeit den privaten Genuss.

 

In seinem Büro in der Nähe der Hohensyburg hängen die freien Arbeiten, die er auf seiner kundenorientierten Website »besser nicht zeigt«. Des Öfteren habe er den Kommentar gehört: »Was soll das denn, Herr Fröhlich?«

 

www.pixelidee.de


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