Gunnar Lippoldt / Illustration

24.01.2010 22:38

»Expedition Luna«: Ein die Phantasie anregender Urtraum; wäre da nicht die ankettende Erdanziehungskraft, deren technische Überwindung die realen Grenzen einer zweifelhaften Existenz aufzeigt. Am Zeichenbrett der Phantasie lässt sich diese Grenze listenreich aufgraben, den Schleier vor den Trugbildern zerreißen. Zum Vorschein kommt die Theaterbühne des metaphysischen Menschenverstands. Dort sprechen Zeichen und Personen in einer seltsamen Sprache über die Entgrenzung mithilfe von Grobmechanik und dampfender Technik. Das ist Gunnar Lippoldts (24) Erzählstoff eines illustrierten Bildbandes, als dem Zukunftstraum die fortschrittliche Bezeichnung industrielle Revolution zugeschrieben wurde.

 

In der Rückschau wird vom Zeitalter der industriellen Revolution gesprochen. Darin verbirgt sich der entgrenzte Unruheherd im Kopf auf der Suche nach dem denkbar Unmöglichen. Heißt es in jetziger Reklame: »Nichts ist unmöglich« gilt die Regierungszeit der britischen Queen Victoria als das goldene Zeitalter imperialer Expansionspolitik. Werden heute die Weltmärkte aufgeteilt, parzellierten Kolonialstaaten die Welt in externe Territorien. Allen voran die Erfinder, »Enddecker« und Vollstrecker des repressiv ausgeweiteten britischen Imperiums. Calvinistisch zugeknöpft wähnte es sich im Glanz der Allmacht. Von Gottes Gnaden für Ruhm und Reichtum, zur Nutzung von Menschen und Ressourcen auserwählt.

 

Das Zeitalter stand unter Dampf. James Watts Erfindung gab Jahrzehnte zuvor den Anstoß für die industrielle Revolution. Die Wissenschaft gebar den Fortschrittsglauben und ein reglementierendes Ordnungssystem für die Massen. Und nicht zuletzt gebar diese Zeit Armut und Elend in den stetig wachsenden Arbeiterquartieren der Kohle- und Stahlreviere. Aus der bequemen und die Sicht verkürzenden Perspektive der Rückschau ein vom Machbarkeitswahn besessenes Zeitalter, dem der erste Weltkrieg in seiner ganzen und längst vergessenen Brutalität der eingesetzten Metallurgie ein jähes Ende setzte. Auf den Schlachtfeldern der Moderne fraß das prometheische Artilleriefeuer den von Dekadenz berauschten Adel und die technisch vollstreckbare Illusion des Großbürgertums, dass »jede Umdrehung eines Maschinenrades Gold bedeutete«. (Fritz Lang, Thea von Harbou: »Metropolis«)

 

Es begann das große Reinemachen im Ideenüberbau des Herrschaftsdenkens. »Wo der Sinn für Schönheit aufhört, beginnen Krieg, die Gleich-Gültigkeit oder der Tod; zu Recht haben Philosophen gelehrt, die Dimension des Ästhetischen sei für den Wahrheitsgehalt von Erkenntnissen konstitutiv.« (Sloterdijk) Zynisch setzten die Dadaisten der »bürgerlichen Institution Kunst« ihre (un)sinnentleerte Kunst entgegen. »Jasagen zur Wirklichkeit als Wirklichkeit, um allem, was bloß schönes Denken ist, ins Gesicht schlagen zu können.«

 

Das Bauhaus präferierte wider den Pomp den Einklang von Form und Funktion. Fritz Lang inszenierte filmisch seine »Zauberflöte«, den Publikumsflop »Metropolis« über die Grausamkeit der Babel-Türme in der Zukunftsstadt.

 

Visionär suchten Thea von Harbou und Fritz Lang nach wirtlichen Zukunftsorten. Den Stoff dazu lieferte die Künstlerin Henny Walder. In ihrer Biographie schildert die Schauspielerin in äußerst knappen Worten die Proben zu Brechts »Dreigroschenoper« und skizziert in drei Akten die Vorlage zu Fritz Langs letztem Stummfilm: »Die Frau im Mond«.

 

Im 1. Akt heißt es: »Ein junger Wissenschaftler weiß durch seine Untersuchungen, dass auf dem Mond Silber zu finden ist. Seine Kollegen lachen über den augenscheinlichen Wirrkopf, sogar sein bester Freund. Nur seine reizende kleine Frau glaubt ihm. Der Wissenschaftler konstruiert ein Raumschiff und macht sich mit seiner Frau allein auf die Reise zum Mond. Doch auch ein Schurke ist an dem Silberschatz interessiert und begleitete die Reise zum Mond als blinder Passagier.«

 

Der Schurke wird im 2. Akt entdeckt, »als er große Mengen Silber in das Raumschiff transportiert und alleine fliehen will. Beim Kampf mit dem Wissenschaftler wird der Motor des Raumschiffs beschädigt. Der Schurke stirbt.«

 

In den Armen seiner Frau stirbt auch der Wissenschaftler. Er »flüstert ihr (im 3. Akt) zu, dass sein bester Freund seine Konstruktionspläne hat und sicherlich kommen wird, um sie zu retten. Abgeschieden von aller Zivilisation wartet die Frau im Mond auf ihren Retter.«

 

Henny Walders grobe Notizen dienen Gunnar Lippoldt als Inspirationsquelle für eine handgemachte Bildergeschichte über die Raumfahrt. Fiktional verwebt er in seinen schwarz-weiß »kolerierten« Illustrationen die schwerfällige Dampfkrafttechnik aus dem 19. Jahrhundert mit dem literarischen Science-Fiction-Genre »Steampunk«. Gleich einem Stummfilm wird in »Expedition Luna« über eine Luftschiffreise zum Mond erzählt. Im freien Stil verzichtet er im Gegensatz zu einem Comic oder der graphischen Novelle auf Typographie. Sein Kosmos besteht aus Fragmentwelten, losgelöst von der gängigen Vorstellung von Planeten und Weltraum.

 

Die technisch rückwärtsgewandte »Expedition Luna« führt an einen »realen« Nichtort, der im Spannungsfeld von Traum, Hoffnung und Sehnsucht einzig auf dem Papier existiert. Für den Nichtort liefert Gunnar Lippoldt den Ansatz eines hierarchisch geordneten Gesellschaftsentwurfs, der vertraute Anleihen an das »Metropolis« der Jetztzeit enthält. Finanziert wird die Expedition von Konzernen, der »Eden Society« mit Sitz in der Fragmentwelt »Aeon«. Die Raumfahrer (Manager) heißen Tecnikkas. Fein gegliedert in obere, mittlere und untere Führungsebene. Worin ihr Auftrag besteht, darüber lässt Gunnar Lippoldt noch im Unklaren. Bekannt ist hingegen, dass Utopisten gleich welcher politischen Farbe das Paradies im Fortschritt sahen - und die Hölle schufen.

 

Gunnar Lippoldt hat ein Begriffverzeichnis für seine Diplomarbeit »Expedition Luna« zusammengestellt.

 

Glossar

 

Rezz-Pot – kleine Notfallbox der Tecnikkas (meist Werkzeug oder Verbandszeug)

Tecnikka – umgangssprachlich für Crewmitglieder von Luftschiffen

Stunner – Beruhigungsmittel, Opiat

inken – umgangssprachlich für »Nichts tun« (in Anlehnung an die Passivität der Inks); auch umgangssprachlich für »jemanden verulken/hereinlegen«

(etwas) rot sehen – verträumt sein; Ursprung aus der Benutzung der Rotfilterbrillen der Tecnikkas, um die Sicht bei Ätherflügen zu erleichtern

Respawn – plötzliches Erscheinen von Inks oder Abnormitäten (teils durch Halluzinationen)

grinden – übermäßiges, stumpfes Übertakten/Aufrüsten des Luftschiffes

Grinder – siehe oben: Personen, die dies ausführen

Router – Vorarbeiter an den Anlegestellen von Lufthäfen

buffen – Zunahme von konzentrierten Anti-Mitteln bei Ätherflügen zur Vorbeugung

Frag – Abkürzung für »Fragmentwelt« zum Beispiel Frag I, Frag V; stammt aus den nummerierten Luftkarten der Tecnikkas, bei denen oftmals die Kontinente zur Übersicht nur nummeriert sind.

 

 

Aeon – Name der Fragmentwelt, von dem die Expedition aus startet

Eden – eine der Großstädte auf Aeon; besitzt vier Lufthäfen und damit die meisten unter den vorhandenen Städten

Eden Society (ES) – Gesellschaft der Oberschicht Edens, unter deren Obhut zahlreiche Forschungen und wissenschaftliche Projekte stattfinden

Black Point – eines der Großunternehmen, spezialisiert auf Transport und Logistik

 

 

Tecnikkas

 

• Tecnikkas: allgemeine Bezeichnung für die Riege der Luftfahrer: Kapitäne, Crewmitglieder oder technisches Personal das Luftschiffe beschreibt

• es wird unterschieden zwischen Low-Tecs, Med-Tecs (Med = Medium) und High-Tecs

• Tecnikkas sind in der Gesellschaft gerne Vorbild für verklärt romantische Geschichten über Freiheit und Unabhängigkeit durch ihre vielen Reisen

• manche Luftfahrer sind verschrien für ihren Stolz u. Ihre Arroganz aufgrund ihres Rechts freien Handel zu treiben, ohne den üblichen Zollrechten zu unterliegen, wie Händler und Kaufleute zu Land

• der rechtliche Status der Tecnikkas entstand aus der Not der Kontinentalregierungen, dass der Bedarf an übergreifenden Handels-/Reiserouten zwischen den Fragmentwelten und über weite Strecken auf dem Land nicht gedeckt werden konnte

• inzwischen sind viele Luftfahrer dadurch essenziell für manche Welten, weil erst durch die Luftschifffahrt gewisse Bereiche komplett erschlossen werden konnten

• auf der anderen Seiten gibt es auf manchen Welten so viele von den Tecnikkas, dass die Konkurrenz zu bürgerkriegsähnlichen Szenarien führte, denen die Regierungen nicht entgegenkommen konnten, weil das Meiste sich außerhalb des jeweiligen nationalen Raumes befand; angeblich haben manche Regierungen dies unterstützt

 

Low-Tecs

 

• meist ärmliche Luftfahrer

• oftmals bilden mehrere von ihnen sogenannte »Claims«; Zusammenschlüsse/Verbünde aus Luftschiffen aufgrund mangelnder Ressourcen; mit gerinstem Budget das Maximum erreichen

• »Low« ist zugleich bei manchen Tecnikkas eine Beleidigung → mangelnde Ausrüstung, schlechte Luftschiffe, fehlende Wartungen und Technik

• Luftpiraten, Grinder und Schmuggler sind meist zudem Low-Tecs

 

Med-Tecs

 

• Luftfahrer die ausreichend finanzielle Mittel besitzen, um unabhängig zu sein

• meist besitzen sie eigene Schiffe, die nicht auf Pacht laufen, wie bei vielen Low-Tecs; oder gehören einer Crew an, die mit einem eigenen Schiff arbeitet

 

High-Tecs

 

• in fast allen Fällen Luftfahrer im Dienst von Konzernen oder der Regierung → gute Ausrüstung, neueste Schiffsmodelle oder Technik

• Schiffe gehören aber nicht den Luftfahrern, sondern werden nur offiziell geliehen; dennoch wird die volle Verantwortung für alles von den Kapitänen gegenüber den Auftraggebern übernommen

• »Higher« als Äußerung bekannt für Personen, die blind gehorchen oder strikt an einen Auftraggeber gebunden sind beziehungsweise ihnen unterstellt sind

 

 

Inks

 

• auch bekannt als »Klabauter«; kreis- bis ovalförmige Manifestationen von schemenhaften Wesen; durchschnittlich mit einem Durchmesser von 15 cm

• durch ihre fast schwarzen punktierten Augenformen bekamen sie den Rufnamen Inks

• erstes Auftreten vor mehreren Jahrzehnten auf den Luftschiffen, die sich in die Sphären der Ätherwolken wagten; dabei traten die ersten Erscheinungen auf

• auffallend ist ihr scheinbar fast völlig bezugsloses und passives Verhalten; sie tauchen lediglich auf und sind präsent

• auf den Schiffen treten sie vornehmlich in der Nähe von Menschen, Maschinen und Tieren auf und manifestieren sich aus den Schwaden der Ätherwolken

• sie bilden eines der Geheimnisse für die Wissenschaft, jedoch haben sich die Luftfahrer an ihr Erscheinungsbild gewöhnt; man sagt ihrer Präsenz nach, sie bringe Glück für das Schiff und die Crew

• es gibt Beobachtungen, dass Inks über die Jahre auf die Sprache von Menschen mehr und mehr reagieren; wie Resonanzkörper verändern sie ihre Form als versuchten sie, die Kommunikation von Menschen auf verbaler Ebene zu imitieren

 


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