Katrin Koopmann / Illustration
11.07.2010 11:52
Die junge Illustratorin Katrin Koopmann gehört zu einer Gruppe von zwölf Absolventen der Ruhrakademie, die vom 6. bis 10. Oktober 2010 ihre Diplomarbeiten auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen werden. In ihrem Buch »Der Schwan« erzählt sie die Geschichte eines »Kükens« auf der Suche nach Anerkennung in der Erwachsenenwelt. Als Ausgangspunkt wählte sie die Verwandlungsprozess einer fantasiebegabten Pubertierenden zu einer selbstbewussten jungen Frau. Auf dem Weg dort hin begegnet sie dem Typus Vampir, einer literarischen Spezies aus dem Reich der Blutsauger. Dass der Typus auch im Volleyball vorkommt, ist keine wirkliche Überraschung?
Man braucht Widerstandskraft gegen die Widrigkeiten des Lebens. Ansonsten bleibt man auf der Strecke. Glaubt man den Priestern der Körperindustrie ist die regelmäßige Leibesübung die beste Möglichkeit zum Aufbau der Widerstandskraft. Noch toller soll es sein, sich einem Verein von Gleichgesinnten anzuschließen. Dort soll die Körperertüchtigung erheblich mehr Spaß machen, weil man neben dem Erwerb sozialer Kompetenz an der privaten Charakterbildung arbeitet und die christlichen Zutaten der zivilisierten Selbstzähmung von energetischen Affekten einsaugt. Gleichzeitig lernt man im Wettbewerb die psychologische Technik der Selbstreflexion und sich zum Wohl einer Gruppe zurückzunehmen. So gesehen ist laut einem Glücksversprechen der Sport im Verein am schönsten. Großzügig wird jedoch der Preis vergessen, der für die Liebe zum Sport zu zahlen ist, »damit die untersten Instinkte mitreden können«. (Nietzsche)
Das Problem steckt im System. Wie Trainer, Betreuer sich mit den ewig gleichen Glückversprechen an Talente heranmachen, sie für ihre Zwecke formen, konditionieren, manipulieren, sie für ihre Zwecke gefügig machen, aus der Masse herausmendeln. Und den Eindruck vermitteln, der Einzelne akzeptiere dies aus eigener Überzeugung.
Allerdings sind Skepsis und Zweifel an der Echtheit des Glückversprechens angezeigt. Die nüchterne Frage steht im Raum: Wem es nutzt, wenn sich junge Talente in die Tretmühle begeben, vielleicht irgendwann dazu gezwungen sind, ihr Privatleben eindimensional auf den Sport auszurichten. Welches Glückversprechen ist da wofür der Maßstab? Dass der Sport im Verein am schönsten ist? Die Mittel den Zweck heiligen?
Trainer sind die Dompteure der sportiv organisierten Jugend. Sie vermitteln die Maxime: ohne Schweiß kein Preis. Vom Naturell der Trainer gibt es die sanften Lenker, die einem Arzt gleich physiologische Schwächen am Sportlerkörper therapieren und reparieren. Die gewieften mit Priesterlogik ausgestatteten Strategen, die Sportlern das selbstständige Denken abnehmen, sie auf dem strategischen Schachbrett des Glaubens an höhere Ziele heranführen. Die auf Krawall gebürsteten Ekelpakete, denen es Freude bereitet, die Schmerzfähigkeit ihrer Probanden bis an die Grenze der Belastbarkeit auszuloten.
Ziel jedes Trainer-Engagements ist im Sinn einer Maximierungskultur die Leistungssteigerung um jeden Preis. Wer davon träumt, als strahlender Gewinner vom Platz zu gehen, dem bleibt kaum eine andere Wahl, als seinen Charakter im Steinbruch der physischen Exerzitien zu schleifen. Aber ist das wirklich eine Überraschung?
Vielleicht hatte Winston Churchill einen bestimmten Trainertypus beziehungsweise das Sportsystem vor Augen, als er die Redewendung in die Welt setzte: »Sport ist Mord«. Vielleicht ist es aber auch nur ein Wort der tiefen Abneigung gegenüber sportivem Leistungswillen und Ausdauer, die gerade von den Feingeistern, den Priestern der künstlerischen Tiefenreflexion und des literarischen Reinheitsgebots, ins Feld geführt werden. Wie dem auch sei: Der Sport wird mit zu viel trompetender Bedeutung aufgeladen, mit zu viel Kolorit imprägniert, dass die Freude an der erst einmal wertfreien Fertigkeit, dem Wunsch, alle Viere geschickt unter Kontrolle zu halten, leicht ins Hintertreffen gerät.
In München 1972 betraten die Volleyballer zum ersten Mal olympisches Parkett. Von diesem Zeitpunkt an verzeichnet der olympisch geadelte Mannschaftssport eine stetig wachsende Zahl an Anhängern.
Das fließend leicht, elegant und manchmal akrobatisch anmutende Ballspiel stellt hohe Anforderungen an die Koordinationsfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit und an die Sprungkraft der Akteure. Dieser Sport, soviel kann man leichtfertig sagen, ist nichts für Warmduscher, wenn die Schmetterbälle um die Ohren fliegen, im Doppelblock am Netz ein schneller Spielzug der Gegner energisch gestoppt werden soll. Entsprechend intensiv ist das Training und entsprechend scharf wirkt das Trainerpersonal auf die Sportler ein, um aus Variablen eine Mannschaft zu formen. Nach welchen Mitteln und Regeln es in den nach Reinigungsmitteln, Plastikbelag und abgestandenem Schweiß riechenden Turnhallen zugeht, wird meist ausgeblendet. Allein schon der seltsame Geruch kann aufs Gemüt drücken.
In ihren Illustrationen reflektiert die 21-jährige Katrin Koopmann ihre bisherige Performance als Volleyballspielerin; ihre Erfahrung als junge Netzwärterin. Sie veranschaulicht in allegorischer Darstellungsweise die Verwandlung eines »Kükens« zur jungen Frau. Auf dem Irrweg dort hin begegnet das flügge werdende »Küken« dem literarischen Typus Vampir. Einer nach serbokroatischem Volksglauben existierenden Spezies, die nachts als unverwester, lebender Leichnam dem Sarg entsteigt, um bevorzugt jungen Mädchen das Blut auszusaugen.
Ihre expressiven Aquarellakte zeugen von körperlicher Stärke und Fragilität. Die kolorierten Augen blicken irritiert und fragend ins Leere. Auffällig sind die verschlossenen, von Masken und Knebeln überzogenen Münder als gelte es zu schweigen. Als ginge es bei der Farbkodierung um eine Kult-Symbolik, die das Ritzen, die Beziehung von Opfer und Wirt zum Ausdruck zu bringt.
Für Katrin Koopmann ist die Diplomarbeit »ein Befreiungsschlag«. Das klingt handfest sportlich, ist jedoch eher als persönlicher Entwicklungsschritt zu verstehen. Den Erzählstrang ihrer Arbeit über Gefühle, das Leersaugen, die Verwandlung des »Kükens«, das sich nicht niedermachen ließ und sich zu einem »Schwan« entwickelte, fasste sie auf 60 großformatigen Seiten (36 cm x 51 cm) in einem Buch zusammen.
Als Konsequenz ihrer Erfahrungen wechselte sie den Volleyballverein. Das Ziel ist der Aufstieg von der Oberliga in die Regionalliga. Beruflich wählt Katrin Koopmann die Freiberuflichkeit als Illustratorin. Auf der Frankfurter Buchmesse stellt sie ihre Diplomarbeit dem Fachpublikum vor. Ob die »älteren Leute« verstehen werden, was sie mit ihrer sinnbildlichen Erzählung sagen will?
Die Jungen verstehen auf Anhieb.


