Karoline Dlugos / Kommunikationsdesign

30.04.2010 02:10

»Werber denken geradeaus«

 

Mit der Diplomarbeit »Give me back my virginity«, einem illustrierten 400-Seiten-Buch über Street Art, reüssierte Karoline Dlugos (*1982) im Jahr 2008 als Kommunikations-Designerin. Nach einem Praktikum in der Wiener Werbeagentur PKP Proximity arbeitet sie dort seit dem 1. Juli 2009 als festangestellte Junior-Grafikdesignerin.

 

Saubere Stadt

 

Das große Missverständnis wurzelt in den Siebziegern, virulent bleibt es mit einigen Abstrichen bis heute: ist Street Art Kunst oder Vandalismus? Oder anders: Warum erhebt das Bürgertum seine Kultur zum Maßstab von Exklusivität, wenn deren Kultur einzig eine Variante unter vielen ist? Die weltbewegende Frage unterfütterten die US-Kriminologen James Q. Wilson und George Kelling in den Achtzigern mit ihrer Broken Windows Theory. Im Kern steht die Annahme: Wenn die Fenster in verwaisten Wohnblocks bersten, lockt der sukzessive Verfall die finsteren Gesellen in die Quartiere. Warum die Wohnblocks leer stehen, scheint sekundär. Das Bürgertum, die Stadtverwaltungen und Polizeien applaudierten. Endlich hatten sie eine verwertbare Allzweckwaffe im rhetorischen Handgepäck, mit der sie mit harten polizeilichen und juristischen Bandagen vor allem gegen das Kreativvolk unter den Jugendlichen vorgehen konnten: »Null Toleranz«, »Unsere Stadt muss sauber bleiben«, »Stoppt den Vandalismus«.

 

Den Anfang der rigorosen Null-Toleranz-Politik machte New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani. Der rühmte sich später, dass dank seiner Anstrengung die einst »gefährlichste Stadt der USA« vom Gesindel gereinigt sei und die Lebensqualität wieder Einzug genommen habe. Giuliani vergaß allerdings zu erwähnen, dass Kriminalität sich in Regionen außerhalb von New York verlagert hatte.

 

Geblieben sind die eingesetzten Überwachungskameras - und als Antwort die unter Jugendlichen tonangebende HipHop-Kultur, wozu die Disziplinen der Street Art zu zählen sind. Gekommen ist noch ein anderes in der Großstädten mit Altbausubstanz zu besichtigendes Phänomen: die schleichende Gentrifizierung attraktiver Wohngebiete, eine Verdrängungspolitik des eher finanziell wackeligen »niederen Adels« (Studenten, Künstler, Off-Kultur) zugunsten der selbsternannten Eliten und Investoren, denen die neoliberale Politik die Tore zu den Fleischtöpfen der Kapitalmärkte öffnete.

 

Ein geraffter Zeitbefund. Die Kernfrage bleibt allerdings weiterhin unbeantwortet: Wem gehört das Urbane? Wer kann sich wie in einer Stadt entfalten, sich dort als sprühender Geist bemerkbar machen, seine kreativen Spuren hinterlassen, ohne dass seine Hinterlassenschaften justiziabel werden? Warum ist der Aufmerksamkeitsterror von Werbeindustrie und Handelsketten legitim? Und warum stochert die Widerrede gegen die inflationäre Verwendung von Repräsentanz-Architekturen aus glänzendem Marmor, Sichtbeton und verspiegeltem Glas im Wortnebel? Profan gesagt: Wo sollen kreative Jugendliche sich frei entfalten, wenn sie als Störer des Konsumfriedens in kommerzialisierte Edelreservate verbannt werden?

 

Zevs - Banksy

 

Dass Street Art Kunst ist, scheint weitgehend geklärt, wenngleich das Visual Kidnapping des Abbilds eines auf zehn Meter aufgepumpten Lavazza-Models zunächst für einiges Befremden sorgte. Der sich gerne als Müllmann verkleidende Street Artist Zevs hatte die Werbefigur im April 2002 am Berliner Alexanderplatz mit einem Teppichmesser aus der LKW-Plane »gehäutet«, herausgeschnitten, entführt, ein Bekennerschreiben an den italienischen Kaffeeröster Lavazza geschickt, eine öffentlich plakatierte Lösegeldforderung an das Unternehmen gestellt. Die entführte Werbefigur landete schließlich in einer Luxemburger Galerie, nachdem die Sachbeschädigung des französischen Street Artist als dekonstruierender Eingriff in das Ästhetikverständis der Werbeindustrie geadelt wurde. Wahrscheinlich auch deshalb, weil eine Differenz zwischen Kunst und Radical Advertising kaum noch existiert.

 

Ähnlich subversiv ist die Vorgehensweise des britischen Street Artist Banksy. Dem Reiz seiner Ästhetik kann sich anscheinend kaum noch jemand entziehen. So diagnostiziert Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), das Künstler-Phantom Banksy treibe die Pop Art von Roy Lichtenstein und Andy Warhol in neue Höhen.

 

Anfangs wurde Banksys in seiner Heimatstadt Bristol zur unerwünschten Person erklärt. In diesem Jahr widmete sie ihm eine große Einzelausstellung. Schließlich werden seine Werke im Auktionshaus Sotheby?s mit sechsstelligen Summen gehandelt. Dies brachte jemanden auf den Plan, eine Banksy-Ratte samt Mauer-Leinland aus dem Londoner Stadtbild zu meißeln, um das Werk bei ebay zum Kauf anzubieten. Nach einem 30000-Euro-Gebot stoppten die Behörden den Bieterwettstreit. Geklärt werden sollte, wer einen Besitzanspruch auf das Banksy-Werk geltend machen kann? Der Künstler, der Eigentümer der Mauer-Leinwand, die Londoner Stadtverwaltung oder vielleicht der Aneigner? Letzterer beruft sich auf Banksys gestellte Machtfrage zum Urheberrecht. Banksy sagt: »Copyright is for losers«.

 

Generell rüttelt Street Art am Wurzelstock der Rechtsvorstellung von Vandalismus, Sachbeschädigung und Eigentum. Rudolph Giuliani und seine zahlreichen Nachahmer konnten mit der reaktiven Besitzstandwahrung politisch punkten. Daran wird sich demnächst kaum etwas ändern. Auch 42 Jahre nach Beginn dieses Streits, als in New York das erste Graffito aus der Sprühkanne auftauchte, werden die Schmierer und Verunstalter fremden Eigentums weiterhin mit hohen Geldstrafen, Sozialdiensten, Jugendarrest und Gefängnisstrafen gewürdigt. Das Establishment sieht sich mit einem irritierenden Zeichensystem konfrontiert, das es gar nicht will.

 

Als erster Geschäftszweig erkannte die jugendkompatible Werbewirtschaft das kreative Potential der Straßenkunst. Und es ist durchaus anzunehmen, dass Werber und Designer in der Straßenkunst ein Kreativventil finden, um sich aus dem straffen Korsett ihrer Auftraggeber zu schälen. Dass diese Verquickung mit der Werbung wiederum zu Gegenpositionen einlädt, formulieren die Splasher in ihrem Manifest gegen die Street Art. Darin heißt es im wütenden Ton: »Destroy the museums, in the street and everywhere.«

 

Reinheitsgebot

 

Die Momentaufnahme auf die Street Art verdeutlicht die gesellschaftliche Brisanz des von Karoline Dlugos für ihre Diplomarbeit gewählten Themas. Der Titel ihrer Arbeit: »Give me back my virginity« ist vor dem oben genannten Hintergrund jedoch doppeldeutig zu verstehen. Die im Titel erwähnte Reinheit zielt im Sinn der Street Art geradewegs auf den guten Geschmack, der Ordnung und Sauberkeit präferiert, hingegen Brachen, Verfall, Farbnasen und dekonstruierte Plakatflächen, Überlagerungen und Sticker zum städtischen Makel erklärt. Demnach ist ein mit Aufklebern versehener Ampelmast, ein gestickerter Stormverteilerkasten ein optischer Fauxpas, ein Angriff auf das ästhetische Empfinden der Masse. Und das gilt es vor Irritationen zu schützen. Jedenfalls zeugen die Reinigungsarbeiten von diesem Geist, den Stadtmöbeln ihre Unberührtheit zurück zu geben.

 

Zu Recherchezwecken reiste Karoline Dlugos nach London und Barcelona. Besonders in London sei ihr aufgefallen, wie die Reinigungskräfte der Stadtverwaltung unter Dampf stehen. Es werde mit Hochdruckreinigern gekärchert, was das Zeug hält. Von Klebearbeiten der Street Art-Koryphäen wie Banksy, Oboe the giant oder Swoon ? so gut wie nichts zu sehen. Nur Pech gehabt?

 

In Barcelona bot sich ihr ein ganz anderes Bild. In den fünf Ramblas, bekannt als pulsierendes Kreativviertel am Hafen der spanischen Metropole ist die Anwesenheit unterschiedlicher Formsprachen der Street Art selbstverständlich. Gleiches in Amsterdam, Paris, Antwerpen, Wien und anderswo. Von dort ließ sich Karoline Dlugos von Freunden und Bekannten mit Dokumentationsmaterial versorgen, das sie für ihre Abschlussarbeit verarbeiten konnte. Ihr Interesse gilt schließlich allem, was klebt.

 

Zur Vertiefung des Themas führte sie in München ein Interview mit einer Gruppe von Sticker-Künstlern. In Recklinghausen sprach sie mit einer älteren Frau über ihre Leidenschaft für Panini-Klebebilder. In deren Archiv lagern zehn Millionen Exemplare. Denn spricht man über Sticker, gehört auch die Sammelleidenschaft von massenhaft an Kiosken verkauften Klebebildern dazu. Ein fast endloses Thema, das Karoline Dlugos bearbeitet hat, weil in den Online-Druckereien nahezu im Stundentakt der visuelle Nachschub für die Straße entsteht. Wer sich im öffentlichen Raum anonym bemerkbar machen will - stickert.

 

Wien

 

Als Resultat ist ein 400 Seiten starkes Buch entstanden, das einen subjektiven Blick auf die Sticker-Kultur im Jahr 2008 widerspiegelt. Beim Bewerbungsgespräch mit dem Kreativ-Geschäftsführer der Wiener Werbeagentur PKP Proximity,(nach einer Fusion mit BBDO heißt die Agentur jetzt PKP-BBDO), drehte sich das Gespräch zwei Stunden lang um Street Art. Kurz: Nach einem Jahrespraktikum wechselte Karoline Dlugos am 1. Juli 2009 in eine Festanstellung.

 

Im 2. Wiener Bezirk lebt sie in einer internationalen Wohngemeinschaft nahe des Donau-Kanals, 15 Minuten vom Stadtkern entfernt. Worin sie ihre Stärken sieht, nennt sie ihre Assoziationsfähigkeit. Was sie in der Agentur gelernt hat: »Werber denken geradeaus«.


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