Silvia Kriens / Fotografie

11.07.2010 12:00

»Stock-Fotografie frisst sich selbst.«

 

»Love Parade« im Ruhrgebiet, Zweckbauten der Montanindustrie als gefeierte Leitorte der europäischen Kulturhauptstadt 2010: Wer hätte das vor neuen Jahren für möglich gehalten, als Silvia Kriens (*1976) die Verzahnung von tanzbar getakteten Maschinengeräuschen inmitten von farbig bestrahlten Industriekulissen thematisierte? »Feierszene« nannte sie 2001 ihre fotografischen an den Geist der italienischen Futuristen angelehnte Montagen. Eine halbe Ewigkeit nach ihrem Diplom und der Ochsentour als Assistentin ist Silvia Kriens eine gefragte Werbe- und Modefotografin.

 

Das theoriearme Leitmedium Fotografie hat ein Problem, das sich weder von jetzt auf gleich aus der Welt schaffen lässt noch dazu angetan ist, mithilfe griffiger Formeln aus dem tiefen Tal der Theoriearmut herauszukommen. Das Problem der Fotografie ist fundamental: unverschämt schweigt sie den Betrachter an. Sie lässt ihn allein mit sich und seinem Weltbild, seinen Meinungen, Kenntnissen, Verwirrungen, Ängsten, Vorurteilen. Und wer dann selbstgewiss behauptet, eine Fotografie spräche zu einem, wenn man sich nur lange genug darauf einließe, wird überrascht sein, wie ernüchternd einseitig das Gespräch mit einer Fotografie ausfällt.

 

Konstruierte Eigenwelt

 

Um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, bedienen sich Fotografieexperten ? und davon gibt es genauso viele wie Fußballexperten - verlockender Theoriemodelle. Ein beliebtes Mittel ist es im Fotografenmilieu, sich an Niklas Luhmanns Systemtheorie aus dem Umfeld der Kognitionsbiologie abzuarbeiten, das Reale konsequent als privat konstruierte Eigenwelt zu verstehen. Das hat zur Folge: Mit Luhmann kann man alles erklären, leider nur nicht das, was draußen in der rauen Wirklichkeit auf dem Blindflug in die Zukunft vor sich geht.

 

Auf die Fotografie übertragen kann man einzig beobachten, wie andere beobachtet haben. Das hört sich überzeugend schlicht an und ist auch genauso schlicht wie es klingt, es bildet aber den Kern der fotografischen Kommunikation. Konkret: In der angewandten Fotografie beobachtet der Auftragnehmer, wie der Auftraggeber die Beobachtung seiner »Ware« inszeniert sehen möchte.

 

Laut Luhmann »gibt es (für das menschliche Hirn) keinen Weg nach draußen«, der aus der Begriffsküche der »Beobachtung zweiter Ordnung« führt. Dies hat die Konsequenz: »Niemand kann unabhängig von seinem Gesellschafts-, Moral- und Denksystem einfach mal nachsehen gehen, wie es anderswo ist.« Um dennoch Unterscheidungen zu treffen, reduziert, sortiert und kommuniziert das Hirn als System mit sich selbst. Eine Fotografie ist demnach das, was jeder Einzelne darin sehen will.

 

Vital lächelnd

 

Es ist bewundernswert, wie Werbung und Mode für sich dennoch in Anspruch nehmen, haargenau die Verschaltungen der anderen zu kennen. Als Instrument dieses Aberglaubens ist ihnen die schweigende Fotografie ein technischer Verbündeter. Die Pragmatik des Marktes verlangt nach optischer Überhöhung der Flachware, unmittelbar und ohne Umwege, perfekt inszeniert, nach Möglichkeit brutal scharf, damit es beim Hingucken bloß kein vertun gibt. Komplizierte Konstruktionen? Besser nicht.

 

Etwa so funktioniert der Markt der Stock-Agenturen, die den längst überhitzten Bildermarkt mit spottbilligem Nachschub aus dem Archiv versorgen. Ein Überbietungsmarkt an Sonderangeboten ist dort seit Jahren im Gang. Wohin man auch blickt, zeigen vital lächelnde und von hellem Licht verstrahlte Menschen ihr Zahnpastalächeln. Passend dazu verbreitet der Stock-Markt eine auf Hochglanz polierte Retortennatur, wo fliegende Goldfische von einem Miniaquarium ins nächste springen. Auf den Bilderwühltischen im Netz ist die blitzblanke Welt noch in Ordnung. Und es wäre alles so wunderschön, wenn es nicht doch das große Aber des Realen gebe.

 

Interessant ist: Die visuellen Geschmacksverstärker stehen im krassen Gegensatz zu den vollmundig vorgetragenen Unternehmensphilosophien. Auffällig ist die eher untergeordnete Rolle der Bildkonzepte, wenn zum Beispiel ein halbes Dutzend angesehener Unternehmen auf das exakt gleiche Stock-Foto für ihre Werbung zurückgreift. Woran das wiederum liegt, kann man nur vermuten: Aus Kostengründen greifen sie darauf zurück, weil sie angeblich sparen müssen. Um auf Nummer sicher zu gehen, weil die Angst vor dem Scheitern größer ist als der Mut zum kalkulierbaren Risiko. Vielleicht aber auch, weil sie ihre geschätzten Kunden für visuelle Analphabeten halten, denen die Wiederkehr der Einfallslosigkeit bestimmt nicht auffällt. Auf bewährte Konzepte zurückgreifen, heißt es dann als Erklärung.

 

Tatsächlich frisst der Stock-Markt sich selbst, sagt die 34-jährige Werbe- und Modefotografin Silvia Kriens. Und das ist nicht einfach von ihr lax dahergesagt. Die Schnäppchenjagd und 1-?-Mentalität hat einen Billigmarkt hervorgebracht, in dem das geschickte (Aus)-Nutzen der Fertigkeiten anderer einen höheren Stellenwert besitzt als deren angemessene Bezahlung. Andererseits könnte man vermuten, dass in den Schaltzentralen, den Gehirnen von Mode und Werbung, in Unternehmen und Agenturen genauso viele visuelle Analphabeten sitzen wie auf der Konsumentenseite, für die die fotografischen Schnellimbisse tagtäglich von neuem produziert werden. Dezenter formuliert: bloß keine fotografischen Experimente wagen. Besser kalkuliert langweilen als ein unkalkulierbares Risiko eingehen. Wahrscheinlich ist es von allem etwas, denn jedes System ist auf seine »Selbsterzeugung« ausgerichtet, »indem es sich einzig auf seine eigenen Operationen bezieht«.

 

»Feierszene«

 

2001 diplomierte Silvia Kriens mit einer Arbeit über die »Feierszene«. Im Maschinentakt tanzen bis der Arzt kommt: bei der Berliner »Love Parade« zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, beim »Mayday« in Dortmunds Westfalenhalle. Das Experiment fotografisch umzusetzen, die »Love Parade« ins Ruhrgebiet zu platzieren, wo die Maschinengeräusche der Schwerindustrie über Jahrzehnte den Lebensrhythmus bestimmten; ein Verrat an der hedonistischen Technokultur, ein Affront gegen die Stadtfürsten im Ruhrgebiet, die sich gerade den Kohlestaub vom Brioni-Anzug klopfen?

 

So gesehen stand die 2001-Vision von Silvia Kriens unter ziemlich ungünstigen Vorzeichen. Raver vor illuminierten Industriedenkmälern des Ruhrgebiets zu montieren ? was soll das denn? Dass die »Love Parade« dann doch von der hippen Hauptstadt in die europäische Kulturhauptstadt Ruhrgebiet übersiedelte ? wer konnte das 2001 ahnen?

 

Nach dem Studium an der Ruhrakademie ging Silvia Kriens auf Ochsentour. Bei einem Dutzend Werbe- und Modefotografen arbeitete sie - meist in Düsseldorf - als Assistentin. So konnte sie in der Praxis ihre technischen Fertigkeiten hinter der Kamera und am Rechner verfeinern, ein geschäftliches Gespür dafür entwickeln, welche fotografischen Erzeugnisse der Markt zu welchem Preis verlangt. Silvia Kriens: »Als Jungfotograf muss man sich durchbeißen können und aufpassen, dass man nicht über den Tisch gezogen wird. Ist man zu billig, kommt man aus der Nummer nicht mehr heraus. Ist man zu teuer, schnappen die Kunden nach Luft. Es geht darum, den eleganten Mittelweg zu finden.«

 

Harter Job

 

Hinter ihr liegen neun Jahre harte Arbeit, wobei »hart« scheinbar gar nicht zu dem nach außen hin immer gut gelaunten und locker-lässigen Genre passt. Schließlich geht es in dem Genre um die Erzeugung von Bewusstsein, das Versprechen von Schönheit, Glück, Individualität und grenzenloser Konsumfreiheit. Allerdings werden vormals aufwändig realisierte Produktionen derzeit gerne ins Studio verlagert. Konkret heißt das: drei Monate Studio statt drei Monate Kapstadt. »Die Krise«, sagt Silvia Kriens, »hat durchgeschlagen«.

 

Teamwork und Kenntnisse der gegenwärtigen Trends sind ihr Rezept, der Krise zu begegnen. In der Dortmunder Innenstadt hat sie sich bei einem anderen Studiofotografen eingemietet, nutzt als Strategie des Selbstmarketings die sozialen Netzwerke, arbeitet mit Assistenten, Visagisten, Stylisten und freien Art Direktoren an neuen Bildkonzepten für Firmenkunden. Technisch ist sie breit ausgestellt. Ob Kleinbild, Mittelformat, Großformat, Erzeugung eines bestimmten Lichtklimas, Bildbearbeitung am Rechner ? kein Problem. Thematisch bedient sie die in der klassischen Werbung und Mode verlangten Formate.

 

Ihr Ziel ist eine Fotografen-Repräsentanz, um sich dann ganz auf die kreativen Prozesse konzentrieren zu können. Daran arbeitet sie täglich mindestens zehn Stunden. Wochentags im Studio oder on location, am Wochenende im selbstgegeben Auftrag. Ihre anfangs noch skeptischen Studienfinanziers hat sie längst überzeugt, dass nicht ein Jurastudium das richtige, sondern die Fotografie ihr Ding ist. Dass eine Festanstellung nicht zwangsläufig die Nährlösung für privates Glück ist, hat sich ebenfalls geklärt. Auch in der fotografischen Eigenwelt braucht die Phantasie ihren kreativen Freiraum.

 

Und so blicken wir fest entschlossen: Vorhang zu und alle Fragen offen.


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