Gregor Eisenmann / Kommunikationsdesign

14.09.2008 23:23

Wie schwierig es ist, die Zeitkonstruktionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einen einheitlichen Nenner zu bringen, zeigt sich bereits an den Definitionen, mit denen die unterschiedlichen Disziplinen operieren. Für Astrophysiker ist die Vergangenheit ein Modell, das weit außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft existiert. Im gleichen Maße reden sie über die Begriffe Gegenwart und Zukunft. Nach deren Berechnungen bewegt sich gegenwärtig ein Asteroid auf die Erde zu, der den blauen Planeten bei einer Kollision gehörig ins Schleudern bringen könnte. Die aus irdischer Sicht gute Nachricht: Der Einschlag wird für das Jahr 2850 erwartet.

 

Mit einem anderen Phänomen beschäftigen sich ebenfalls Physiker. Sie können in Messungen nachweisen, dass ein Mensch, der im dritten Stock eines Hauses wohnt, um die Minimalzeiteinheit von 10-12 -Sekunden langsamer altert als jemand, der im Untergeschoß lebt. Das Verwirrspiel zeigt, wie schwierig es ist, sich einander über die Zeitkonstruktionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verständigen, wenn jeder von einer anderen Definition ausgeht. Verkompliziert wird der Dialog, wenn die Geburtsdaten zweier Personen, die sich über diese Begriffe verständigen wollen, um etliche Jahre differieren. Um es existenzialistisch zu sagen hat derjenige, der aufgrund seines Alters dem Tod näher steht, eine klarere Vorstellung von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als ein junger Mensch.

 

In diesem Bermudadreieck des Existenziellen bewegt sich Gregor Eisenmann. Er versucht in seinen Grafiken Ankerpunkte für seine Erinnerungen zu setzen, damit er die bewegenden Ereignisse der letzten Zeit in ein Ordnungssystem fassen kann. Jedes der circa 300 Blätter, die Gregor Eisenmann in seiner Diplomarbeit in einem Buch im Querformat von 37,5 cm mal 28 cm bündelt, erzählt von seinem Leben. Manche Blätter haben Zeitsprünge mit surrealen Zügen. Sie erzählen über Träume, Sehnsüchte, Hoffnungen, von Trauer, Schmerz und sind, jedes Blatt für sich, ein Ausdruck von gestalterischer Leidenschaft. »Ich versuche immer meine Grenzen auszutarieren. Wie weit kann ich gehen?«

 

Das Ergebnis ist ein künstlerischer Selbstversuch. Im Alter von 24 Jahren sind solche Selbstversuche ein probates Ritual, das mit dem Satz: »Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen«, vielleicht am ehesten beschrieben werden kann. Bei dieser Suche nach der inneren Demarkationslinie als ein sich offenbar verändernder Ort kommt es unweigerlich zu Konfrontationen. Erinnerungen an die Schulzeit werden wach, die Moralität, innere Bremsen und äußere Zuschreibungen tun ihr übriges; die künstlerische Arbeit an sich selbst hinterlässt in jedem Fall ihre Spuren.

 

In Wuppertal suchte Gregor Eisenmann aus Anlass der Ausstellung »Kunst Cluster« im Rahmen des NRW-Tages die Selbstvergewisserung. Mehrere Tage zuvor entwickelte er dort in Tag- und Nachtarbeit eine 12 qm große Collage, die er in Verbindung mit deutlich kleineren Arbeiten korrespondieren lässt. Ein häufig wiederkehrendes Motiv in diesen Collagen sind überarbeitete Fotografien von Florenz, in denen Vergangenheit und Gegenwart eine zeitliche Verbindung eingehen. Versehen sind diese Zeiträume mit Textfragmenten aus Gregor Eisenmanns schriftlichen Aufzeichnungen, in denen er versucht, seinen subjektiven Kosmos aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ordnen.

 

Inhaltlich folgen die Grafikarbeiten einem disharmonischen Rhythmus, den Gregor Eisenmann mit Musik vergleicht: Rock, elektronische und klassische Musik lässt er, so seine Intention, ohne fließende Übergänge in harten Brüchen aufeinanderprallen. Dennoch hat dieses »visuelle Erlebnis«, das er »ein Bilderbuch für Erwachsene nennt«, eine Dramaturgie.

 

Eine subjektive Diplomarbeit im Fach Kommunikationsdesign, die vielleicht wie ein Asteroid einschlägt. »Falls ich verstanden werde, ist es gut, wenn nicht, kann ich daran nichts ändern.« Fehlt noch ein Hinweis auf die letzte Seite des circa 300-Seiten-Buches. Dort steht: ANFANG.

 


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