Susanne Dicke / Kommunikationsdesign
08.02.2010 01:54
Susanne Dicke (*1978) aus Wuppertal hat sich nach dem Diplom im Oktober 2005 an der Ruhrakademie für eine freiberufliche Tätigkeit als Kommunikationsdesignerin entschieden. In unklaren Zeiten ein klares Zeichen des Vertrauens in die eigene Phantasie. Und dann wäre noch Bill Murray zu nennen, der an einer weiteren Entscheidung von Susanne Dicke einen maßgeblichen Anteil hat. Bill - wer?
Es kann Zufall sein, dass eine gewisse Vorliebe für den Japanese spirit gerne auf die Manga-Kultur verkürzt wird. Das vereinfacht die Zustandsbeschreibung des kulturell schrumpfenden Erdballs, bei dessen Betrachtung der Blick sich meist auf den Rummel jenseits des Atlantiks fokussiert, von wo aus eine rotierende Marketingmaschine die Welt mit visuellem Kaugummi zu überziehen gedenkt.
In animierten Glanzstücken aus dem Land der aufgehenden Sonne agieren kulleräugige Strichmännchen auf den verschlungenen Regelpfaden des Bushido. Sie vermitteln scheinbar rückwärtsgewandte, vergessene und missbrauchte Tugenden und Techniken, die im Kern die qualitativ gleiche Botschaft vermitteln wie die Äußerungen aus der Traum- und Realitätsfabrik. Nur dass die Akteure anders kostümiert sind und eine spirituell im Buddhismus und im 神道, Shintō verortete Haltung besitzen, die nach Vorstellung von gewissen westlichen Unruhegeistern eine verspielte Kindlichkeit haben.
Natürlich ist es abwegig, ein komplexes Land wie Japan, das es wie kaum ein anderes Land versteht, Tradition und Moderne zu einem vorwärtsgewandten Dritten zu verschmelzen, in wenigen Sätzen darzustellen. Erst das Verstehen der visuell faszinierenden Symbolschriften ist der Japanese spirit ansatzweise greifbar. Ansonsten bleiben die kunstvoll kalligraphierten Zeichensysteme hira gana und kata gana der »Höhlenmalerei« vergleichbar, bei deren Ausdeutung sich ein auf lateinische Schriftzeichen trainierter Westler grenzenlos verloren vorkommen muss.
Man ahnt es, Susanne Dicke hat einen Faible für den Japanese way of life, der sich auch auf ihrer Website dezent widerspiegelt und weder aufgesetzt noch den Eindruck erweckt, dass eine Kommunikationsdesignerin einem gerade angesagten Trend hinterherläuft. Dies würde Susanne Dicke widersprechen. Ihre vorgetragenen Stärken sind die leisen Töne in Verbindung mit einer subtilen Ironie, die manchmal ins fein Süffisante übergleitet. Von lauten visuellen Klängen hält sich die Wuppertalerin fern. Wobei es in der Musik ruhig schon mal geschmeidig krachen darf.
Ihre Diplomarbeit an der Ruhrakademie im Jahr 2005 hat Susanne Dicke den Titel »Spatzenplatten« gegeben. Die kleinen aufgepumpten und rotzigen Straßenjungs unter den Vögeln behaupten sich gegen ihre vermeintlich stärkeren Artgenossen. Der Spatz, Sinnbild eines kleinen Vogels, der sich seinem urbanen Lebensraum perfekt angepasst hat, ist Namensgeber und der visuelle Schlüssel eines fiktiven Labels für Pop-Techno.
In Susanne Dickes Gestaltung begegnet der Spatz seinem Gegenüber in einer stark vereinfachten, gar plumpen Kontur auf verschiedene Art und Weise. Wie auch die zu vermarktende Musik unterschiedliche, teils ironische Qualitäten hat, inszenierte Susanne Dicke den Spatz in gegensätzlichen Erscheinungsformen: Vom Käse-Spatz auf dem Frühstücksbrot zum blanken Muster degradiert bis zum Filet-Spatz auf seine erbarmungswürdige Fleischlichkeit reduziert. Ähnlich der Bearbeitung eines Samples, eines Musikfragmentes, das für den Bau eines Tracks benutzt wird.
Grundidee der Arbeit ist der Verzicht auf ein Logo im klassischen Sinne und die »Urform: Spatz« in unterschiedlichen Formen neu zu definieren; als Symbol für die Anpassung an sein Umfeld. Insgesamt gestaltete Susanne Dicke 32 Motive.
Diese Motive werden, so die Idee für die praktische Umsetzung, in der Kommunikation des Labels eingesetzt. Als Plattenlabel, Klebeband, Postkarte, Visitenkarte, Poster und so weiter. Kernstück ist ein Aufkleber-System, das von jedem »Mitarbeiter« des fiktiven Labels frei genutzt werden kann, um die (Kunden-) Kommunikation zu beleben. Gemeint ist: Jeder Brief, der rausgeht, hat einen anderen Look, je nachdem, für welches Motiv sich der »Mitarbeiter« des Musik-Labels entscheidet und wo er es platziert.
Erst in der Rückschau wird deutlich, wie japanophil die Arbeit von Susanne Dicke tatsächlich ist. Die Bescheidenheit ihres visuellen Auftritts weißt Parallelen auf zu der unaufdringlichen Sichtweise der japanischen Fotografin Rinko Kawauchi, die zu Susanne Dickes Favoritinnen unter den Dokumentaristinnen zählt. Kawauchi zeigt ein anderes Japan, das nichts gemein hat mit dem Japanbild, das der radikale Existentialismus von Daido Moriyama transportiert oder der sexistische Blick von Nobuyoshi Araki. In ihrer feinen Erzählweise über das profane Leben gibt sie der scheinbaren »Banalität« den Raum eines fotografierten Tagebuches, in dem sie Kreatur, dem Insekt, dem Vogel die gleiche Bedeutung beimisst wie der bildnerischen Darstellung von Mensch und Maschine.
Den Kreis von Susanne Dicke schließt Bill Murray, der sich in Sofia Coppolas Erstling »Lost in Translation« (2003) an der Seite der bezaubernden Scarlett Johnsson im Symbol-Gewirr der Megalopolis Tokyo verloren fühlt und seinen mit lässigem Humor ertragenen Alleinzustand an der Hotelbar mit Whisky zu ertränken sucht.
Als Susanne Dicke den Spielfilm gesehen hat, wusste sie, dass sie dringend nach Tokyo reisen muss, um zu überprüfen, inwieweit die vorgetragene Filmrealität mit dem eigenen Erleben übereinstimmt. Tatsächlich fühlte sie den Schwebezustand der Minorität des Westlers in der Weltstadt Tokyo. Konsequent zieht Susanne Dicke daraus die Lehre: sie lernt seit zweieinhalb Jahren japanisch.
In Wuppertal arbeitet sie in ihrem Home Office. Die Selbstständigkeit, sagt sie, ist ein illusionsfreier Weg, der für sie dennoch geradeaus weitergeht. (Näheres auf ihrer Website)



