Anna-Lena Lucas / Kommunikationsdesign
24.04.2009 15:02
Im dämonischen Zoo des träumenden Hirns ist das Kontrollsystem der Ratio außer Kraft gesetzt, deshalb versuchen die Zoowärter der induktiven Wissenschaften ein Ordnungsgehege der Erklärungen aufzubauen, das die unkontrollierbaren Dämonen in Zaum hält. Keine leichte Aufgabe dies illustrativ eingängig mit einem textlichen Abriss über den Status Quo zu vermitteln, die Anna-Lena Lucas für ihre Diplomarbeit an der Ruhrakademie gewählt hat. Unter freiwilligem Verzicht von Schlaf ist dies fast möglich; selbstkritisch formuliert. Acht Versuche einer Annäherung.
1. Aus dem alteuropäischen Vielgötterstaat der Griechen weht den Jetzigen die sauerstoffarme Höhenluft der Mythologie um die Nase. Beim Einatmen gerät der zu Höherem verführte Alpinist unweigerlich in den Zustand der Sauerstoffknappheit, wenn er den von Selbstüberschätzung befeuerten Versuch unternimmt, es sich dort oben in der Todeszone bequem zu machen. Der Versuch bleibt ein Traum, für den das deutsche Liedgut die Formel gefunden hat, dass Träume Schäume sind. Reinhold Messner büßte im Schaumbad höherer Gefühle an Gehfähigkeit ein. Ist das der Stoff, aus dem die Träume sind? Die Beschäftigung damit ist hart, aber modern.
2. In der Sprachakrobatik der Alteuropäer ist das Schaumbad eine Höhle, in der die Söhne des Schlafgottes »Oneiros« in ihrem Versteck lauern, bis sie in den Hirnwindungen der Menschen ihre ungezähmte Nachtarbeit verrichten können. Welchem höheren Auftrag sie dabei nachgehen, bleibt der vom Aberglauben chemisch gereinigten Deutung überlassen. Verständigt haben sich die Neueuropäer auf die Aussagen von Sigmund Freud und dessen ihm gerne widersprechenden Nachahmer.
3. Die Komplexität der Arbeit von Anna-Lena Lucas verlangt nach einem Spitzlicht auf das himmlische Geflügel. In der Genesis wird von der Jakobsleiter erzählt. Nach Sonnenuntergang bettete Jakob sein Haupt auf einem Stein. Im Traum erschien ihm eine Leiter zum Himmel. Engel in neun hierarchischen Rangstufen unterteilt stiegen auf und nieder. Oben stand Gott und sagte zu Jakob, das Land auf dem er schliefe, wolle Gott ihm und seinen Nachkommen schenken.
4. Die wirkmächtige Erzählung des Leitertraumes ist in der Ekklesia verankert. Jakob errichtete an der Offenbarungsstelle das erste Gotteshaus. Zur Grundsteinlegung nutzte er den Stein, auf dem er in der Erscheinungsnacht geschlafen hatte, eine rituelle Handlung, die weiterhin unter Bauherren ihren Reiz ausübt. Darüber hinaus gilt die Hierarchie des geflügelten Engel-Kurierdienstes in diesem Traum als Vorbild der realen Beamtenkörperschaften. Ob das neunstufige Gymnasium ebenfalls nach Jakob Traumerlebnis als Projektionsfläche erträumt wurde, immerhin gilt Jakob als »Patriarch der Hierarchiedenker«, ist zumindest denkbar.
5. Nach der Reform der Sekundarstufen steht das achtstufige Gymnasium auf dem Prüfstand. Demzufolge wurde eine ganze Engel-Abteilung um der innerbetrieblichen Rationalisierung willen in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Jetzt steht die Zahl Acht im Bedeutungsraum, innerhalb dessen sich die Schülerschaft abarbeiten muss. Ob nun das Gedankengut der acht Seligpreisungen der Bergpredigt den Schulreformkern bilden, ist dem Vernehmen nach nicht überliefert.
6. Um die Zahlenmystik dennoch fortzusetzen navigieren sich die Traumforscher mittels eines Leitsystems durch das Labyrinth der inneren Dämonenhöhle. Die Forscher, so Anna-Lena Lucas, unterscheiden auf ihrem Irrweg durch das menschliche Hirn hierarchisch geordnet acht Traumtypen wie den Flugtraum, Falltraum, Freiheitstraum, über den erotischen Traum bis zum Todestraum. Der einstige US-Präsident Abraham Lincoln soll im Traum seinen Tod vorhergesehen haben. Seinem Leibwächter erzählte Lincoln, wie er Zeuge seiner eigenen Beerdigung gewesen sei; idealer Stoff für eine große Oper. Tatsächlich ist Lincoln erschossen worden.
7. Konzeptionell unterteilte Anna-Lena Lucas die 132 Seiten ihrer in Buchform präsentierten Diplomarbeit »Oneiroi« (griech.: Träume) in zwölf Nutzenspalten sowie in zwölf Kapiteln; Synonyme für den 24-Stunden-Tag, gekennzeichnet als Schlaf- und Wachteil und ein Verweis auf die in den Kinderschuhen steckende Chronobiologie, womit nicht das Innenleben einer Rolex gemeint ist. Vielmehr geht es darum, welchen Einfluss die moderne Überlistung der inneren Uhr auf die Körperprozesse ausübt. Als Illustrationstechnik verwendete die 24-jährige Hagenerin überwiegend die Collage. Und für den Textteil nutzte sie eine popkulturell gefärbte Schreibtechnik unter Verwendung von neurobiologischen Deutungen aus den Nullen und Einsen bildgebender Maschinenquellen. Zugute kamen ihr dabei, dass sie vor dem Studium an der Ruhrakademie einige Semester Biologie in Erlangen studiert hat.
8. Und jetzt? »Wenn das Gehirn so einfach wäre, das wir es erklären könnten, sind wir zu dumm, es zu verstehen.«
Nachtrag. Anna-Lena Lucas ist in der Hauptzentrale der Parfümeriekette »Douglas« mit dem Re-Design des Intranets beschäftigt. Ist da ein Traum Wirklichkeit geworden?



