Sebastian Suttorp / Fotografie
30.04.2010 02:20
Demenz und Alzheimer - zwei begrifflich eng miteinander verwandte
Zustandsbeschreibungen für das schleichende Vergessen im Alter. Was die
Begriffe meist verschleiern, zeigt Sebastian Suttorp in seiner
sozialdokumentarischen Diplomarbeit über seine an Demenz erkrankte Großmutter. Die 89-jährige Witwe wird im Kreis der in vier Generationen zusammenlebenden Familie versorgt und gepflegt - eine Belastungsprobe für die Versorger.
Soll man sich über die Prognosen des zu erwartenden
Lebensalters freuen? Im Mittel ist die Lebenserwartung im Vergleich zu
vorangegangenen Generationen deutlich gestiegen. Der Frieden im Land, die
Abwesenheit von Hunger, Durst, die Verfügbarkeit von beheizten Wohnungen, die
Anwesenheit einer leistungsfähigen Medizin geben erst einmal Grund zu Optimismus.
Laut Statistik ist die Lebenserwartung erheblich gestiegen. Die stetig wachsende Zahl an 80-, 90-jährigen, die einen angenehmen Lebensabend verbringen, bestätigen die
oberflächliche Einschätzung, dass ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter
für jedermann denkbar ist.
Diese fröhlichen und relativ fitten Alten, wie sie einem in
den lupenrein fotografierten Werbeblättern der Krankenkassen entgegenlächeln,
verstellen allerdings den Blick auf die Kehrseite der gleichen Medaille. Denn
es gibt die Anderen, denen im fortgeschrittenen Alter das Denken und die
Kontrolle über die Körperfunktionen abhanden gekommen sind. Dass sie eine
schweigende Mehrheit mit schwacher Lobby darstellen, in Alters-Reservaten ein
auf Satt- und Sauberpflege minimiertes Leben führen, wird gerne ausgeblendet.
Diese andere Seite der Alters-Medaille zeigt nämlich ein
ganz anderes Bild, das den vorgetragenen Optimismus erheblich dämpft. Wie viele
Alte vereinsamt vor sich hin dämmern, senil sind, von Pflege abhängig, entmündigt,
bettlägerig, gedemütigt, deren Warten auf das Sterben kein Leben mehr ist,
solch ein Bild ist die verkörperte Widerspruch zu einem gesellschaftlichen
Selbstbildnis, das einem Mantra gleich den Jugendwahn und die Alterslosigkeit
anbetet, die Abwesenheit von Krankheit und das Streben nach Bildung und Wissen
zu den glücklich machenden Allheilmitteln erklärt. Wer dem Anforderungsprofil
nicht mehr entspricht, verschwindet nach kühl kalkulierter Kosten-Nutzen-Analyse
in der Versenkung eines Altenasyls. Wer zur Last fällt, entfällt aus der glänzenden
Wertschöpfungskette der Profitmaximierung.
Er wird zum Kostenfaktor erklärt. Versagen oder protestieren Hirn und Körperkräfte, reduziert eine nach Sekundentakten aufgeschlüsselte Pflege die menschliche Zuwendung. Von der Sorge, eines Tages selbst im Mehrbettzimmer einer Pflegestation oder in der Anonymität eines Krankenhauses seinen letzten Atemzug zu tun, kann sich wahrscheinlich nur ein geringer Bruchteil der Alten freisprechen.
Im »Waschhaus« der Ruhrakademie zeigt Sebastian Suttorp
private Fotografien über das Leben seiner Familie mit der an Demenz erkrankten
Großmutter. Wobei unklar ist, ob eine Demenz respektive Alzheimer überhaupt ein
Krankheitsbild darstellt oder ob der irreversible Neuronenschwund zum
individuellen Alterungsprozess gehört. Im Gelehrtenstreit beansprucht die
Medizin die Deutungshoheit über das Alter. Andere Disziplinen fordern die Entpathologisierung des Altwerdens, die Akzeptanz des natürlichen Abbauprozesses.
Die Fotografien zeigen jedenfalls das Bemühen der Familie, der
alten Dame ein fürsorgliches Zuhause zu bereiten, ihr Spaß und Freude in den
angespannten Alltag zurückzubringen, ihr Gedächtniskrücken anzubieten, um die
Erinnerung an das Gestern solange wie möglich in ihr wach zu halten. Andererseits
vermitteln die empathischen Einblicke in das Private aber auch den Erschöpfungsgrad der Familienmitglieder. Wie schwer es für sie ist, die schleichende Auflösung der Identität der Großmutter zu akzeptieren, und zu wissen, welche Belastungsprobe noch auf sie zukommt.
Im mittleren Demenz-Stadium verbleiben einige Erinnerungsfetzen.
Mit fortschreitendem Verlauf der Demenz versiegt der Quellcode der Persönlichkeit. Es klaffen zunehmend größere Gedächtnislücken, die Sprache und der innere Autopilot zur Orientierung versagen. Name, Geburtsdatum, das Vergessen der eigenen Kindheit sind die Folge. Bis schließlich die Identität ins Leere verschwindet. Zuletzt ist das Gehirn entleert. Es wird »ohne Geist« - dement
Über den Zeitraum von anderthalb Jahren hat Sebastian
Suttorp die Spuren des Gedächtnisabbaus fotografisch beschrieben. Er nennt seine
Diplomarbeit: »Das bin ich nicht!«. Ein Zitat seiner 89-jährigen Großmutter,
das Aufschluss darüber gibt, wie die Krankheit über die Jahre ihr Wesen
verändert hat, sie sich selbst entfremdet, ihre Kinder und Kindeskinder und den
Urenkel als Fremde ansieht.
Den Alltag in dem Mehrfamilienhaus, in dem die Großfamilie
unter einem Dach lebt, beschreibt Sebastian Suttorp als angespannt. In jeden
Moment kann es zu einer neuen Überraschung kommen. Wenn seine Großmutter aus
dem Fenster um Hilfe ruft, sie in der Vergangenheit auf der Straße umherirrt,
geistig abwesend in den immer gleichen Büchern blättert, sich an einer
Blechdose voller Erinnerungsstücke festhält.
Von einem Tabubruch ist die Rede, wenn Autoren wie Tilman
Jens den geistigen und körperlichen Verfall eines Angehörigen bis ins kleinste
Detail schildern. Von Verletzung der Würde wird gesprochen, von fehlendem Anstand,
Ethik, Moral. Vielleicht ist es das Greisenhafte selbst, das Angstreflexe
hervorruft - und es deshalb ein Tabu darstellt.
Dass Demenz oder Alzheimer (benannt nach dem Psychiater Alois Alzheimer) möglicherweise mit allen Risiken und Nebenwirkungen zum Leben gehört, passt anscheinend nicht in das Selbstbild von grenzenloser Leistungssteigerung. Fakt ist: Irgendwann sind die natürlichen Hirn-Ressourcen jedes Einzelnen aufgebraucht. Laut DER SPIEGEL nennt der World Alzheimer Report dazu einige Zahlen: »Etwa 4,7 Prozent der über 60-Jährigen« sind von Verwirrtheit betroffen. »Zwischen 80 und 89 Jahren liegt das Risiko bei knapp 20 Prozent. Ab 90 trifft es jeden Dritten«.
Eine Vollkaskoversicherung gegen Demenz gibt es demnach nicht.
Allenfalls lässt sich das Risiko wie es in Empfehlungen heißt um einiges senken.
Zu den Risiko-Senkern zählen die üblichen Verdächtigen wie Sport und eine
entsprechend entfettete Figur, eine ausgewogene Ernährung, saubere Luft,
soziale Kontakte, ein langes Berufsleben und natürlich Bildung. Es wird so
getan, als läge es an jedem Einzelnen, das Risiko der Altersverwirrtheit zu
minimieren. Womit die Sozialarchitekten fein aus dem Schneider wären, denn für
eine saubere Umwelt, ein langes Berufleben oder Bildung hat jeder selbst zu
sorgen. Dass aber auch ein nach diesem Maßnahmenkatalog der Ideale ausgerichtetes
Leben keinen Schleichweg aus dem Alter bietet, führt zu den schlichten
Einsicht: irgendwann ist jeder alt.
Für das sozialdokumentarische Familienportrait hat Sebastian
Suttorp die unmittelbare Fotografie gewählt. Diese Herangehensweise verzichtet
auf glatt stilisiertes Licht, auf Retuschen am Rechner, negiert das inzwischen
zum Standard erhobene Artifizielle. Seine Fotografie zeigt viel mehr eine
Haltung zum Sujet. Er hat sich getraut, leise Fotografien in sein Buch aufzunehmen,
die im Wortsinn die Grenze zwischen jung und alt aufzeigen; Schutz und
Selbstschutz gehen dabei fließend ineinander über. Die Reaktionen des meist
jungen Publikums, das während der Diplompräsentation im »Waschhaus« der
Ruhrakademie anwesend ist, fasst eine Studentin in den Worten zusammen: »Wir
haben geweint.«



