Vanessa Ossa / Fotografie/Film/Multimedia

27.08.2009 00:57

»Kannst du was, kennst du wen?«

 

Gleich mit einem Triple diplomierte Vanessa Ossa (*1981) an der Ruhrakademie in Schwerte. Das studium generale der bildgebenden Medien ist für die cinephile Wahl-Düsseldorferin ein tragfähiges Fundament für ihren beruflichen Werdegang ins Filmgeschäft. Wohin die Wanderung geht? Wäre die Frage so einfach zu beantworten, hätte sie längst ihre Magie verloren.

 

Wer sich für ein Künstlerleben entscheidet, sollte Entbehrungen einkalkulieren. Vor allem dann, wenn das Ausdrucksmittel der eigene Körper ist, der tagtäglich auf dem Tanzboden trainiert werden muss, um dem gewaltigen Pensum an Anforderungen überhaupt Stand zu halten.

 

Leidenschaft für die Sache und Selbstdisziplin gehören dazu. Zwei auf dem ersten Blick scheinbar gegensätzliche Eigenschaften, die bei genauem Hinsehen zu den wesentlichen Tugenden eines erfolgreichen Künstlerlebens zählen. Ohne sie kann das größte Talent nie richtig zur Entfaltung kommen, weil der letzte Schliff erst über die Arbeit an sich selbst zum Vorschein kommt. Das klingt bitter, bildet aber das Trockenextrakt, aus dem die Tänzer und andere Künstler ihre Energie ziehen.

 

Gesellschaftlich gehört der akademische Tanz zu den edlen, aus der Theaterloge bewunderten und nicht zuletzt zu den bürgerlich protestantisch verklärten Kommunikationsriten, die neben der asketischen Fähigkeit, Geist und Glieder unter Kontrolle zu halten, ein sensibles Gespür für Musikalität voraussetzt. Allerdings mangelt es der Körperkunst ? von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen - an der angemessenen Anerkennung. Der überwiegende Teil der Tänzer bildet eine Art Low-tech-Boheme; sie gehören, um ein modernes Wort zu gebrauchen, zum akademischen Prekariat.

 

Ein Grund hierfür ist der zum Synonym für Glück stilisierte Kitschkörper aus dem Fitnessstudio. Als Folge einer industriell erzeugten Hysterie wird dort das genaue Gegenteil dessen zum Ziel gesetzt, was die Kunstgattung Tanz an Idealen verfolgt. Tänzer suchen über eine theatral vorgetragene Körpersprache nach dem »Haus des Seins«. Die einen sehen den Körper als Feind, den es den gesellschaftlichen Konventionen entsprechend zu formen gilt, die anderen filtern aus der Spannkraft des Körpers die Sinnlichkeit ihrer Kunst.

 

Als einstige Waldorfschülerin ist Vanessa Ossa mit der Tanzdisziplin Eurythmie vertraut. Sie kennt die Vorurteile gegenüber einer angeblich weltfremden Körperbildung, deren heilpädagogischer Ansatz gerne der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die seltsam befremdlichen Tanzkittel, dazu samtweiche Eurythmieschuhe ? auf Außenstehende, die sich lieber im Maschinenpark der Fitnessstudios abarbeiten oder sich als Asphaltläufer auspumpen, wirken die Bewegungsübungen der Waldorfschüler anachronistisch. Man will eben nur das sehen, was man sieht.

 

Für ihre Fotostrecke »Angehaltene Zeit. Bilder vom Tanz« richtete Vanessa Ossa ihren Blick auf Tänzer. Ein von außen betrachtet elitärer, in der Wahrnehmung fast hermetisch geschlossener Zirkel, international vernetzt, in der Konversation mehrsprachig. In Produktionen vermengt sich das Englische mit dem Französischen, das Spanische mit dem Deutschen. Versagt das zur Verfügung stehende Vokabular, ist die Körpersprache das universelle Verständigungsmittel.

 

In zeitgenössisch reduzierten Doppelporträts konzentrierte Vanessa Ossa ihre Fotografien auf die getanzte Körpersprache. Ohne elegische Zutaten vermitteln diese Arbeiten Energie und Entschlossenheit, Konzentration und Verletzbarkeit, denn die abgebildeten Tänzer können über ihre ausgefeilte Körpersprache das gesamte Emotionsrepertoire abrufen. Um dies als Fotografin intuitiv zu erfassen, gehört das Einfühlungsvermögen, in der richtigen Situation den entscheidenden Moment zu erkennen und festzuhalten.

 

2005 diplomierte Vanessa Ossa an der Ruhrakademie mit ihren Abschlussarbeit: »Angehaltene Zeit. Bilder vom Tanz«. Eine Auswahl von zwölf Fotografien werden vom Goethe-Institut als Teil einer Gruppenausstellung um die Welt schickt, kuratiert von Thomas Thorausch vom Tanzarchiv NRW in Köln. Einige Stationen der Wanderausstellung sind Santiago de Chile, Johannesburg, Paris, Dublin, Sarajewo, Tel Aviv, Windhoek (Namibia), Bordeaux und andere.

 

»Aus der Distanz betrachtet haben diese Fotografien nicht mehr viel mir zu tun«, bewertet die 28-Jährige Wahl-Düsseldorferin den Erfolg der Ausstellung eher nüchtern. Das gleiche gilt für ihre fotografische Semesterarbeit über die Schaufenstergestaltung von Bestattungshäusern. Diese Arbeit ist 2007 in das renommierte »Pixelprojekt Ruhrgebiet« aufgenommen worden, dem fotografischen Online-Gedächtnis des Ruhrgebiets. Beide Serien zeigen, dass sie auf hohem Niveau fotografieren kann, jedoch übt der Film, die Tochter der 170 Jahre alten Dame Fotografie, eine noch andere Faszination auf sie aus.

 

Der Einstieg ins Filmgeschäft gleicht existentiell einem »Tanz auf dem Vulkan«. Dennoch sind die Expeditionswege dorthin stark frequentiert. Wer sich der Illusion hingibt, kurzfristiger Erfolg sei eine pauschale Versicherung, sieht sich allerdings schnell getäuscht. Talent, Können, eine fundierte Ausbildung, Sozialkompetenz und weitere von Auftraggebern verlangte »Soft Skills« bilden das solide Rüstzeug für einen Werdegang mit ungewissem Ausgang. Da macht es Sinn, von vornherein mehrspartig präpariert zu sein als allein darauf zu vertrauen, irgendwann einmal entdeckt zu werden. Ob Tänzer, Fotograf, Filmer ? ganz gleich welcher Kunstsparte sich jemand verschreibt. Allgemein gesprochen: Wer bei seiner Expedition nicht einzig im Basislager umherirren will, sollte sich beweglich zeigen. Die Besteigung des innern Mount Everest verlangt nach anderen Qualitäten als das Erklimmen eines Maulwurfhügels.

 

Der Film ist derzeit das sendungsmächtigste Medium, über den Umweg der Fiktion eine Wahrheit auszusprechen. Dass der Weg kein Terrain für Einzelkämpfer, sondern einzig in strikter Arbeitsteilung und in Gemeinschaft Gleichgesinnter begehbar ist, weiß Vanessa Ossa aus vieljähriger Erfahrung. Nach ihrem schauspielerisch klasse besetzten Diplomfilm »Premiere«, zu dessen Uraufführung sie im Oktober 2006 ins Programmkino »Metropolis« im Bochumer Hauptbahnhof einlud, folgten erfolgreiche Beteiligungen an etlichen Festivals und diversen Filmproduktionen. (Die genaue Zeitfolge, wann welcher Filmbeitrag an welchem Festival zu sehen war, mit welchen Schauspielern und Regisseuren sie zusammengearbeitet hat, ist auf Vanessa Ossas Internetseite nachzulesen.)

 

Selbstreflexiv zählt sie ihr Praktikum bis Ende 2008 in der Kölner Filmproduktionsfirma »Lichtblick« zu den nachhaltigen Erfahrungsfeldern. Wie läuft eine Produktion, woher kommt das Geld, wie funktioniert der Umgang mit Fernsehsendern, welche Ausgaben haben Produktionsfirmen. »Diese Hürden muss man nehmen. Ohne Erfahrung geht im Filmgeschäft gar nichts.«

 

Mitte April und in der ersten Juni-Woche 2009 arbeitete sie als 2. Regieassistentin in der WDR/Arte-Coproduktion »Satte Farben vor Schwarz«. Regie: Sophie Heldmann, in den Hauptrollen mit dem grandiosen Bruno Ganz und der Grand Lady des deutschsprachigen Fernsehspiels, Senta Berger. Vanessa Ossas Aufgabe in der Produktion bestand darin, für das Casting und die Koordination der Legion an beteiligten Komparsen zu sorgen. Dass sie organisieren kann, hat sie in vormaligen Filmproduktionen unter Beweis gestellt.

 

Wie aber passt die enzyklopädisch breite Skala an modernem Tanz und dramaturgisch eingesetzten Bildgebungsverfahren zu einer Einheit? Welches Elastizitätstraining gegen die private Schwerkraft muss man anwenden, um als Außenstehender zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, dass es in allen Kunstformen um Vertikalspannung geht. Praktikabel ist der Versuch, einmal den eigenen Namen zu tanzen. Das ist eine brisantere Gymnastik als ein paar Lockerungsübungen im »Club Méditerranée«.


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