Daniela Brand / Kommunikationsdesign

01.03.2010 22:34

Die Moderne hat mit der Verstädterung der Lebensräume einen Informationshunger nach schnell verdaubarer Nachrichtenkost produziert. Ginge es um den Verzehr von nachrichtlicher Feinkost, käme die inhaltliche Überprüfung, das Abwägen der Zutaten jeder einzelnen Nachricht einem ausgefüllten Tagwerk gleich. Eine Sisyphos-Arbeit, die sich Daniela Brand in einer speziellen Illustrationstechnik auferlegt hat.

 

Der Kopf ist rund, damit man ab und zu die Denkrichtung ändern kann. Das ist leichter gesagt als getan, denn der völlig enthemmte Informationsfluss, der täglich auf die Konsumenten niederprasselt, kann zu einer Abstumpfung bei der inhaltlichen Bewertung von Informationen führen.

 

Von diskursfähigen Bürgern wie Helmut Schmidt (SPD) oder Heiner Geißler (CDU) wird dies als Zeichen einer fortschreitenden Verblödung gewertet. Weit ab von einem soliden Geschichts- und Politikverständnis führe der ständige Informationsfluss zu einem mangelnden Interesse an den feinnervigen Zwischentönen.

 

Dass professionelle Medien und Berufspolitik gerne eine gezielte Desinformationspolitik (2. Irak-Krieg) betreiben, die Brisanz bestimmter Sachverhalte herunterspielen, anderes wiederum in einen Skandal (»bad news are good news«) münden lassen oder Bedrohungsszenarien (»Schweinegrippe«) entwerfen, weil dies Aufmerksamkeit, Einschaltquote und Auflage verspricht, zeigt vor allem eins: Von den magischen Kanälen wird eine Parallelwirklichkeit konstruiert, die mit dem echten, häufig gleichförmig getakteten Alltag wenig zu tun hat.

 

In westlichen Demokratien zählen die Meinungs- und Pressefreiheit zu den höchsten Rechtsgütern, die es vor jeder Form des Missbrauchs zu schützen gilt. Wie diese Rechtsgüter geschützt werden, ist an der publizierten Meinungsvielfalt zu ein und demselben Thema abzulesen. Dies bedeutet für den so genannten mündigen Bürger, dass er sich im Idealfall zu jedem einzelnen Thema die verschiedenen Meinungen einholt, sie auf den Prüfstand stellt, in dem er die Sachverhalte im Internet oder in Bibliotheken nachrecherchiert, um sich am Ende eine individuelle Meinung zu bilden, die er als einen Teil der privaten Erkenntnisse in seine Weltanschauung integriert.

 

Nach einem Gedanken von C. G. Jung ergeben sich jedoch Risskanten und unaufhebbare Widersprüche bei der Bewertung von Sachverhalten: »Die statistische Methode vermittelt zwar die ideale Durchschnittlichkeit eines Sachverhalts, nicht aber ein Bild von dessen empirischer Wirklichkeit. Sie gibt zwar einen unanfechtbaren Aspekt der Wirklichkeit, kann aber die tatsächliche Wahrheit bis zu Irreführung verfälschen. Die wirklichen Tatsachen zeichnen sich durch ihre Individualität aus, ... man könnte sagen, dass das wirkliche Bild sozusagen auf lauter Ausnahmen von der Regel beruhe ...« (Gegenwart und Zukunft)

 

Mit den Ausnahmen von der Regel beschäftigt sich Daniela Brand in ihrer Diplomarbeit. An 20 ausgewählten Beispielen zeigt sie auf, wie viel Widerspruch in einer scheinbar schlüssigen Weltanschauung zu einem Thema stecken kann, wenn man einmal das Scheinwerferlicht aus einer anderen Denkrichtung auf sie platziert. Ein interessantes Beispiel hierfür ist die charismatische Figur Barack Obama, der von seinen Anhängern als Heilsbringer einer gerechteren Welt messianisch verehrt wird. Redegewandt zeichnet der erste afro-amerikanische US-Präsident von sich ein Bild des Stifters der innerpolitischen Gerechtigkeit und des Willens nach äußerem Frieden. Inwieweit er jedoch von seinen idealistischen Zielvorgaben entfernt ist, zeigt sich an den Kernpunkten seiner Versprechen, an denen er sich in seiner Amtszeit messen lassen muss. Ungeduldig warten seine Anhänger auf sichtbare Veränderungen, die seinen Vorschusslorbeeren auch tatsächlich gerecht werden. Dies wirft Fragen auf, die im Mundraum einen faden Beigeschmack hinterlassen.

 

Warum erhält Obama den Friedensnobelpreis, wenn er die endgültige Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo hinausgezögert? In die gleiche Richtung geht Obamas kritikwürdige Irak-Politik. Denn auch in diesem Punkt zeigt sich Obama eher zögerlich, wenn es um die Terminierung des Abzugs der US-Truppen aus dem Irak geht. Machen ihm die Erdöl- und Rüstungs-Lobbyisten zuviel innenpolitischen Druck, weil sie gegenüber China ihre Felle wegschwimmen sehen, wenn die USA an Einfluss im Irak und im benachbarten Afghanistan verlieren? Wie passt Obamas Friedenpolitik mit einem Rüstungsetat der USA von 435 Milliarden Euro zusammen? »Bomben für den Frieden?«

 

In einer weiteren Illustration blickt Daniela Brand auf die deutsche Innenpolitik. Nach dem Machtwechsel in Berlin warten die FDP- und CDU/CSU-Wähler auf eine klare Aussage, mit welchen Mitteln die neue Bundesregierung die 1,4 Billionen Euro Staatsverschuldung und den »Rettungsschirm« mit einem Aufkommen von mehreren hundert Milliarden Euro für die angezählten Banken in den Griff kriegen will? Der erste Lösungsvorschlag mündete in dem Wortungetüm »Wachstumsbeschleunigungsgesetz«, das bei genauer Lesung und in letzter Instanz den Unternehmen und den Erben großzügige Geschenke bereitet und den Kommunen ein weiteres Problem beschert. Für Kabarettisten impliziert die ans Absurde grenzende Praxis einer Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hotel- und Gastronomiebetriebe auch eine Förderung der Prostitution, denn Bordelle profitieren in gleicher Weise von der Wachstumsbeschleunigung wie seriöse Hoteliers und Gastronomiebetreiber.

 

Neben weiteren Ungereimtheiten haben von Daniela Brand illustrativ aufbereitete Nachrichten aus den Informationskanälen auch tragikomische Züge. So erhebt der Bürgermeister der südosttürkischen Gemeinde Batman eine Klage gegen den Regisseur und die Produzenten des Hollywoodfilms »Batman ? The Dark Knight« wegen unerlaubter Verwendung des Ortsnamens für kommerzielle Zwecke. Als Argument führt der Bürgermeister gegenüber der britischen Tageszeitung »The Guardian« ins Feld, dass die unerwünschte Popularität des Films verantwortlich für eine Reihe ungelöster Mordfälle und die hohe Suizidrate unter Frauen sei.

 

Einer gewissen Komik entbehrt auch nicht der monatliche Umzug des europäischen Parlaments von Brüssel nach Straßburg und wieder zurück. Den europäischen Steuerzahlern kostet dieser Umzugsmarathon jährlich 200 Millionen Euro, dessen tieferer Sinn sich einzig den Franzosen erschließt. In Zahlen ausgedrückt verstauen nach Recherchen von Daniela Brand 50 Packer insgesamt 25000 Kisten mit Büroinhalt auf neun Sattelschlepper, die jeden Monat auf die 428 Kilometer lange Reise zwischen Brüssel und Straßburg geschickt werden. Einmal abgesehen davon, dass ein Teil des verfrachteten Kisteninhalts im Verpackungszustand verbleibt, jetten die Europaabgeordneten als 1. Klasse-Passagiere zu den Tagungsorten. Hierzu passt ein Wort aus dem Nähkästchen von Winston Churchill: Dass »von allen schlechten Regierungsformen die Demokratie die beste ist«.

 

Daniela Brand stellt den ausgewählten Irrlichtern ihre an der Nähmaschine gestickten Zerrbilder gegenüber, in denen sie grafisch-illustrativ auf die unterschiedlichen Windrichtungen politischer Aussagen hinweist. Dabei erhebt die 26-jährige Hagenerin keinen belehrenden Anspruch, wie sie sagt, sondern sie möchte in ihren eher untypischen Statements darauf aufmerksam machen, dass die jüngeren Generationen genauer hinsehen sollten, in welcher Art und Weise ihre Zukunft von den Altvorderen gestaltet wird.

 

Als Ergebnis ihrer kritischen Betrachtung legt sie im April 2010 ein 120-Seiten-Buch im geschlossenen A3-Format, eine gestaltete Internetseite und mit Grafiken bestickte T-Shirts als Diplomarbeit vor, mit der sie bei ihrer Wahl der grafisch-illustrativen Methode den unmissverständlichen Hinweis gibt, dass Frauen von der Politik lange Zeit ausgeschlossen waren.


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