Sören Hönicke / 3D Animation
09.08.2009 13:00
Als digitaler Steinmetz rekonstruiert Ruhrakademie-Diplomand Sören Hönicke den Xantener Dom, dem, wie es heißt, »größten Gotteshaus zwischen Köln und dem Meer«. Am Rechner versucht er so detailgetreu wie nur eben möglich die gotische Sakralstätte am Niederrhein in eine komplexe, virtuelle Bildschirmarchitektur zu übertragen.
Ruhrakademie, Haupthaus. Im 1. Stock des einstigen Adelssitzes an der Ruhr haben vor einigen Jahren die »Puppeteers« Quartier bezogen. Die digitalen Puppenspieler bringen im wahrsten Sinne des Wortes die Avatare zum Tanzen, auch wenn die Endprodukte genau genommen eine Sinnestäuschung darstellen, die aus komplexen Rechneroperationen und einer Fülle an Spezialeffekten eine perfekte digitale Gegenwelt suggerieren. Den viel gepriesenen Echtheitsanspruch in Kunst und Design haben die »Puppeteers« schon längst ad absurdum geführt. Stattdessen eröffnen sie eine Dimension der Vervollkommnung, die die vorgegebenen Grenzen der technischen Perfektion genauso verschiebt, wie sie Gebrauch machen von der Möglichkeit des Revidierens und Manipulierens einer Oberfläche. Dass nichts ist, wie es scheint und der Computer die Gutenberg-Galaxie sukzessive auslöscht, ist in den »Puppeteers«-Werkstätten zu einem Allgemeinplatz geworden.
Die Formel heißt 3D-Animation. Eine geniale Technik, die herkömmliche Vorstellungen von Film und Fotografie auf den Kopf stellt, denn Kameras zur Bilderproduktion sind nicht vonnöten. Die Bilder werden am Rechner gebaut, korrigiert, penibel verändert, futurisiert, perfekt geschliffen, wenn es sein muss, übermenschlicher gestaltet, eine Technik, ohne die heutige Filmproduktionen und die Vermittlung von Werbebotschaften gar nicht mehr denkbar wären.
Auf diesem Feld sind die »Puppeteers« tätig, rund ein halbes Dutzend Spezialisten um Agenturmitbegründer Martin Becker. Der Dozent an der Ruhrakademie für 3D-Animation rekrutiert aus den Reihen seiner Studierenden die fähigsten Nachwuchskräfte für das Unternehmen. So gehen Studium und Praxis fließend ineinander über.
Sören Hönicke arbeitet bei den »Puppeteers« als »Junior Artist. Der 27-jährige Architektensohn aus Alt-Wetter diplomiert im Oktober 2009 mit einer Auftragsarbeit für das Xantener Domstift. Kernstück seiner Arbeit ist die 3D-Rekonstruktion der Xantener Basilika, des »größten Gotteshauses zwischen Köln und Nordsee«. Das Endprodukt soll in Zukunft den Besuchern des Stiftmuseums veranschaulichen, wie der sakrale Gebäudekörper im Laufe von 281 Jahren Bauzeit zu einem architektonischen Meisterwerk der Gewerke entstanden ist. Dass die Gewerke mit einfachsten Hilfsmitteln wie Senkblei, Zirkel oder Winkelmaß ein beeindruckendes Gebäude geschaffen haben; aus heutiger Sicht kaum mehr denkbar. 281 Jahre Bauzeit. Wie viele Generationen an Handwerkern sich hinter der abstrakten Zahl verbergen? Welche Kosten das Einfamilienhaus Gottes wohl verschlungen haben muss? Man stelle sich einmal vor, 2009 würde ein Investor ein Bauprojekt planen, das im Jahr 2290 fertiggestellt werden soll. Garantiert würde man ihn für verrückt erklären. Genauso wie sich die Zeitfenster für geplante Bauvorhaben ändern, so ändern sich parallel dazu die Weltanschauungen.
Einen rückwärtsgewandten Blick auf die Geschichte von Großbauten formulierte einst der Theaterschriftsteller Berthold Brecht. Er fragte nach dem Leidensdruck, den Legionen von Arbeitern ertragen mussten, um gigantische Bauwerke zu erstellen. Wer hat mit primitiven Werkzeugen das Rohmaterial aus den Steinbrüchen gebrochen, fragte Brecht, wer hat die Lasten an die Bauplätze geschleppt, Bäume für Gerüste gefällt, mit primitiven Hilfsmitteln die Herrschaftsgebäude hochgezogen? Polemisierend kniete sich Brecht in die Mikrophysik der Weltanschauungen, um aus der Froschperspektive die im Kern vergifteten Wörter einer der Macht schmeichelnden Geschichtsschreibung mit der rohen Wirklichkeit zu vergleichen. Es waren nicht die Könige und der Klerus, die Hand angelegt haben, sondern es waren die vielen namenlosen Steinbrecher und Steinmetze, Handlanger und Zimmermänner, Künstler und Baumeister, die von der Geschichtsschreibung häufig vergessen die heute bewunderten Bauwerke verwirklichten.
Von einem emotional ergriffenen Standpunkt aus betrachte Auguste Rodin (1840 1917) die gotischen Sakralbauten. In seinem »Testament« verfasste der französische Bildhauer des »Apollo-Torso« eine Liebeserklärung an die Meister dieser Baukunst. Für Rodin sind die Kathedralen oder Basiliken als Ebenbilder lebender Körper gebaut worden. »Ihre Proportionen, ihre Gleichgewichtsbeziehungen entsprechen den allgemeinen Gesetzen der Natur. Wenn es uns gelänge, die gotischen Kunst zu verstehen, würden wir mit unwiderstehlicher Kraft zur Wahrheit zurückgeführt werden.«
Zwei weltanschaulich entgegengesetzte Blickwinkel auf die gleiche Thematik: Der erklärte Sozialist Bert Brecht legt bewusst den Finger in die Wunde einer verklärenden Heroik. Seinen Feststellungen gegenüber stehen die Aussagen eines von der frühchristlichen Zeit faszinierten Künstlers. Dennoch verbindet sie als Gemeinsamkeit die Demut vor den steinernen Kultursymbolen. Einzig die Subjekte ihrer Aufmerksamkeit unterscheiden sich grundlegend voneinander. Bei Brecht steht der arbeitende Körper im Vordergrund der Überlegungen, während bei Rodin die Bewunderung für die Architekten der »Meisterwerke« zum Ausdruck kommt.
Das ist komplizierte Geschichte, in die man ruhig Bedeutung hineininterpretieren kann. Aber viel zu kompliziert, um sich damit im Rahmen einer Diplomarbeit objektiv auseinanderzusetzen. Für Sören Hönicke geht es um die rein ästhetische Darstellung des Xantener Doms als 3D-Animation. Die Ästhetik ist hierbei seine Leitplanke, um nicht bei der Fahrt durch die baugeschichtliche Entstehung des Doms aus der Spur zu geraten. Denn alle Kunst, alles Design ist Illusion. Diese Ästhetikfelder müssen einer Binsenweisheit zufolge die Illusion von Realität erzeugen. Welches neue Medium kann dies überzeugender transportieren als die 3D-Animation.
<<Bilder folgen in Kürze>>

